Die gläubige Frau

„Wer immer gute Taten vollbringt, sei es Mann oder Frau, wenn er nur gläubig ist, den wollen Wir zu einem guten Leben erwecken und wollen ihn belohnen für seine besten Werke.“ (Qur’an 16:97)

Gläubig auf Arabisch heißt ‚mumin‘ und bedeutet wörtlich soviel wie ‚die Wahrheit verinnerlichen‘, wobei ‚Verinnerlichung‘ drei Stufen umfasst: Das Herz erfasst die Wahrheit, die Zunge bezeugt sie, und die anderen menschlichen Sinne verleihen ihr Ausdruck. Wenn ‚gläubig sein‘ bedeutet, die Wahrheit zu erfassen und in die Tat umzusetzen, dann wird sich nach dieser Auslegung eine gläubige Frau von einem gläubigen Mann in nichts unterscheiden.

Das Glaubensbekenntnis der Muslime gilt für beide Geschlechter gleichermaßen und die Gebote des Glaubens wie Beten, Fasten, Entrichten der Sozialsteuer, Pilgerfahrt usw. sind für Mann und Frau in gleichem Maße gültig. In der 66. Sure des Qur’an, erfahren wir Näheres über ‚die gläubige Frau‘:

„Und es stellt Allah ein Gleichnis für die Gläubigen auf: Die Frau Pharaos, die sprach: ‚Mein Herr, baue mir bei Dir ein Haus im Paradiese und rette mich vor Pharao und seinem Tun, und rette mich vor dem Volk der Ungerechten.‘ Und Maryam (Maria), Imran’s Tochter, die ihre Keuschheit wahrte und der Wir Unseren Geist einhauchten; sie glaubte an die Worte ihres Herrn und Seine Schriften und war eine der Demütigen.“ (Qur’an 66:11,12)

Asieh

Es ist hier zunächst die Rede von der Frau des Pharao, der den Unterdrücker schlechthin verkörpert und sinnbildhaft für Arroganz, Gewalt und Falschheit steht. Dennoch gelang es Asieh, sich den Glauben an den einen Gott zu erhalten, unberührt von der sie umgebenden korrupten Umwelt. Asieh war es schließlich, die dem kleinen Baby Moses das Leben rettete. Sie erreichte es dank ihres Glaubens, ihren Mann zu überreden, den kleinen Jungen nicht wie die anderen Söhne der Israeliten töten zu lassen. Asieh sorgte für Moses so gut sie konnte. Als Moses von der Wanderschaft zurückkam und dem allgewaltigen Pharao seine Botschaft von dem Glauben an den Schöpfer und Erhalter des Daseins kundtat, wusste Asieh, daß Moses die Wahrheit sprach. Ihr Mann, der Pharao, stellte sie zur Rede. Asieh kann ihm ihr Geheimnis nicht länger verschweigen. Sie gibt ihm zu verstehen, was sie von seiner Herrschaft hält, daß sie durchschaut hat, wie er mit seinen Fürsten und Götzenpriestern das Volk die ganzen Jahre betrogen und unterdrückt hatte. Ihre Liebe gehöre allein dem Allgütigen und Allbarmherzigen. Vielleicht wählte Asieh für ihr Geständnis gerade diesen Zeitpunkt, da sie spürte, daß Moses ihren Widerstand fortsetzen und ihn zum Sieg über Hochmut und Gewalt führen würde. Nur wer Gott sehr nahe steht, dem beschert Gott den Segen, als Märtyrer und Zeuge für Wahrheit und Gerechtigkeit zu sterben. Asieh hatte diese Stufe der Gottergebenheit erreicht. Sie betet zu Gott um Aufnahme in sein Reich: „Mein Herr, baue mir bei Dir ein Haus im Paradies.“ Aus Überlieferungen wissen wir, daß Pharao Asieh festnehmen und kreuzigen ließ.

Maryam

Der Qur’an erhebt eine weitere Frau aus der Geschichte zum Vorbild für alle Gläubigen: Es ist die Jungfrau Maria, der auch im Christentum besonders in ihrer Funktion als mütterlich-helfende Retterin große Verehrung zukommt. Mit dem Namen Maryam verbindet sich etwas Heiliges. Neben sechs weiteren Propheten wurde eine ganze Sure nicht etwa nach Jesus, sondern mit dem Namen der Jungfrau Maria benannt. Der Name des Propheten Jesus (arabisch ‚Isa‘) wird stets im Zusammenhang mit Maryam erwähnt: ‚Isa ibn Maryam‘, d.h. Jesus, Sohn der Maria, die die Voraussetzung für die Erscheinung dieser von Güte und Nächstenliebe durchdrungenen Gestalt verkörpert.

„O Maryam, Allah hat dich auserwählt und gereinigt und erwählt vor den Frauen der Welten.“ (Sure 3, Vers 41)

Nur wer wahrhaft demütig ist, kann den Glauben verwirklichen. Maria war es. Gottes Wille war ihr Befehl. Als der Bote Gottes ihr von dem Wunder ihrer Empfängnis berichtet, fragt sie nicht viel. Sie geht fort und wartet auf die Geburt des kleinen Jesu. Sie steht in ständiger Verbindung zu ihrem Herrn und befolgt Gottes Geheiß Schritt für Schritt:

„So iss und trink und kühle dein Auge! Und wenn du von den Menschen jemanden siehst, so sage: ‚Ich habe dem Allgütigen ein Fasten gelobt, darum werde ich mit keinem Menschen sprechen.“ (Sure ‚Maryam‘, Vers 26)

Maria nahm das Baby auf den Arm und ging zurück zu ihrer Gemeinde: Was für eine Schandtat, eine Tempelhüterin, hatte sie es gewagt! Alle diese Vorwürfe würden sie nicht berühren. Maryam war wahrhaft eine Frau von tiefer mystischer Einsicht, der es gelungen war, sich von den Schranken des irdischen Lebens zu befreien und der absoluten Vollkommenheit nahezukommen. Und in der Tat, ihr Baby fing bald an zu sprechen und entlastete sie von allen Anschuldigungen, wie ihr Herr es versprochen hatte.

‚Wahrlich, Gott hat für die Frauen der Welten vier Frauen (zum Vorbild) auserwählt: Asieh, die Frau des Pharao, Maryam, Khadija und Fatima.‘ (Überlieferungen des Propheten)

Asieh steht symbolhaft für Widerstand und Mut; Maryam für Reinheit und absolute Gottergebenheit; Khadija, die Frau des Propheten Mohammad verkörpert die revolutionäre Frau und ideale Lebenspartnerin; die Tochter Mohammeds, Fatima, vereint alle diese Tugenden in sich: sie ist vorbildhafte Tochter, Ehefrau und Mutter und eine Frau in der Gesellschaft im Einsatz für Gerechtigkeit und die Verwirklichung der göttlichen Werte.

Khadija

Es war Khadija, die Mohammad, ihrem musterhaften Angestellten, zu verstehen gab, dass sie bereit sei, seine Frau zu werden. Allein diese Tatsache ist revolutionär genug, vor allem wenn man die damaligen Verhältnisse auf der Arabischen Halbinsel bedenkt, als Unwissenheit und Aberglauben die Gesellschaft prägten, wo neugeborene Mädchen lebendig begraben wurden, nur aufgrund der Tatsache, dass sie Mädchen waren. Khadija hatte ein großes Vermögen und sich unter den Kaufleuten einen Namen gemacht. Viele Männer rangen um ihre Zuneigung. Aber Khadija hatte sich eigene, von ihrer Umwelt verschiedene Maßstäbe gesetzt. Die Wahrhaftigkeit Mohammads, der deshalb unter den Arabern den Beinamen ‚Al-Amîn‘, d.h. der Aufrichtige trug, imponierte ihr, nicht seine Stellung, Herkunft oder sein Besitz. Vielleicht ahnte sie gar schon zu der Zeit, dass es nur Mohammad sein konnte, der ihre revolutionären Gedanken von einer gerechten Gesellschaft verstehen und ihnen Gestalt verleihen könnte. Wie wir aus der Geschichte wissen, ist es Khadija, die als erste Frau in den Glauben an den Einen eintrat. Vom ersten Tag der Offenbarung bis zum Ende ihres Lebens begleitete sie den Propheten mit Liebe, Vertrauen und Opferbereitschaft. An seiner Seite stand sie tapfer alle physischen und psychischen Verfolgungen der ersten Jahre durch. Ihr ganzes Vermögen gab sie aus, um die Not der Armen lindern zu helfen. Das Jahr, in dem sie starb, ernannte Mohammad zum ‚Jahr des Trauer‘. ‚Niemals hat mir Gott einen besseren Partner gegeben als Khadija‘. hörte man ihn sagen:

‚Sie glaubte an meinen Auftrag zu einer Zeit, wo jeder mich verlachte, sie gab mir unumschränktes Vertrauen, als niemand mich verstand. Sie schenkte mir neuen Lebensmut, wenn ich schweren Herzens war und öffnete mir ihr Herz, wenn ich einsam und verlassen war. Wie kann ich sie je vergessen?‘

Fatima

Als kleines Mädchen war Fatima ihrem Vater Schritt für Schritt auf den Straßen der Stadt gefolgt. Sie war Zeuge, wie ihr Vater von Hasserfüllten Menschen Beschimpft, verspottet, und gequält wurde. Sie war immer zu Stelle, wenn der Vater angegriffen wurde, verband seine Wunden und hatte ihn mit lieben Worten zu trösten versucht. Als ihre Mutter ihr kurz vor dem Tode sagte, sie mache sich Sorgen um sie, weil sie es im Leben schwer haben werde, soll sie geantwortet haben:

‚Mach dir meinetwegen keine Sorgen; sei versichert, daß die Götzendiener das Stammesvolk zum Aufruhr treiben werden. Sie werden in ihrer Grausamkeit bei der Unterdrückung der Muslime noch viel weiter gehen. Aber die Muslime werden dieses Martyrium bereitwillig auf sich nehmen. In dem Maße, wie ich für würdig befunden wurde, die Tochter des Propheten zu sein, werde ich die Qualen durchstehen.‘

Fatimas Leben war in der Tat voller Entbehrungen und Prüfungen. Aber die Schwierigkeiten halfen, sie in ihrem Glauben noch weiter zu stärken. Auch nach ihrer Heirat mit Ali lebte Fatima in der unmittelbaren Nähe ihres Vaters. Sie war Ali eine vorbildliche Ehefrau, die immer für ihn da war, wenn er sie brauchte. Sie gab sich viel Mühe, den Kindern im schlichten Heim so viel Freude und Herzlichkeit zu geben wir nur möglich. Durch zusätzliche Arbeit am Spinnrad versuchte sie, zum Lebensunterhalt der Familie etwas beizusteuern. Darüber hinaus war sie bemüht, das Leid und die Sorgen der Armen zu teilen. Salman, ein Gefährte des Propheten Mohammad sagte einmal über sie: ‚Fatima führte das Leben einer armen Arbeiterfrau. Hätte sie nur ein Zehntel von dem, was sie täglich an andere verteilte, für sich ausgegeben, hätte sie ein unbeschwerliches Leben führen können.‘

Wir erleben Fatima ebenso an der Front, wie sie die Soldaten mit Essen versorgt und die Verletzungen behandelt. Aber Fatimas gesellschaftspolitisches Engagement zeigt sich in aller Deutlichkeit, als der geliebte Vater gestorben ist, und sie mit aller ihr zur Verfügung stehender Kraft, die Gefahren abzuwenden versuchte, die sie auf die Zukunft der muslimischen Gemeinschaft zukommen sah. Sie spürte, wie das Schicksal der Muslime der Politik und der Macht überlassen werden würde. Als Gefährten des Propheten wie Salman, Abu Dharr und Ammar und selbst ihr Ehemann Ali es vorziehen zu schweigen und sich aus dem Gesellschaftsleben zurückzuziehen, will Fatima weiterkämpfen. Sie will sich unter keinen Umständen dem Unrecht, wie sie es nennt, beugen. Sie war der festen Überzeugung, Ali könnte die muslimische Gemeinschaft vor der Zerstörung von innen bewahren, und sie kämpfte für ihre Überzeugung, auch als alle Männer um sie herum längst aufgegeben hatten. Sie startete eine Kampagne für Ali. Nacht für Nacht ließ sie sich von ihrem Mann zu den Stammesführern reiten und sprach zu ihnen. Fatima starb in sehr jungen Jahren. Auf eigenen Wunsch wurde sie nachts an einem geheimen Ort begraben, worüber sie noch zu Lebzeiten verfügt hatte.

Im Qur’an ist noch von vielen weiteren gläubigen Frauen die Rede, so von:

Hajar, der schwarzafrikanischen Magd, die als Ehefrau des betagten Propheten Ibrahim (Abraham) den Sohn Ismael gebar. Hajar hatte absolutes Gottvertrauen mit höchstem Einsatz zu vereinen gewusst. Als sie auf Gottes Geheiß mit ihrem Baby Ismael in der heißen Wüste alleingelassen war, hatte sie fest auf Gottes Hilfe vertrauend nicht aufgegeben, nach Wasser für den dürstenden Jungen zu suchen. Tatsächlich wurde Hajars Bemühen und Ausdauer von Gott belohnt: Genau zu Füßen des kleinen Ismaels sprudelte eine Wasserquelle hervor.

Bilqis, die Königin von Saba wird ebenfalls im Qur’an erwähnt. Sie muss um das zehnte Jahrhundert vor Christus regiert haben. Sie wird als kluge, verständige, sehr um das Wohl des Volkes bedachte Regentin vorgestellt, die aufgrund ihrer gerechten Herrschaft das Vertrauen des Volkes und das ihrer Berater genoss.

Das Bild, das uns der Qur’an vom Prototyp ‚der gläubigen Frau‘ zeichnet, ist umfassend und vielschichtig: Frauen unterschiedlicher Herkunft und Gesellschaftsschichten betraut mit unterschiedlichen Aufgaben werden vorgeführt. Die qur’anische Aussage zum Thema ist unmissverständlich: Alle Tore sind der Frau geöffnet, sich ihren Veranlagungen und Interessen gemäß zu entfalten, nur muss gewährleistet sein, dass alles, was sie tut bzw. lässt, in Ergebenheit und Dankbarkeit ihrem Schöpfer gegenüber geschieht.

aus: Faltblattserie des Islamischen Zentrums in Hamburg

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