Politische Lage (Teil 2)

Unterschied zwischen „Kalifat“ und „Führerschaft“

Wie wir wissen, gibt es verschiedene ideologische Richtungen im Islam. An dieser Stelle möchten wir in keine tiefgründige Diskussion eingehen, sondern nur den Kern des Unterschiedes erläutern. Das Verständnis der Nachfolgschaft des Propheten Mohammad (s) ist der Kernunterschied zwischen Sunniten und Schiiten. Die Schiiten sehen die Nachfolge des heiligen Propheten (s) als eine von Allah (swt) vorbestimmte Instanz, die die „Führerschaft“ (al-imaamah) über die Muslime darstellt. Die Sunniten dagegen sehen die Nachfolge, als ein durch ein (menschliches) Gremium gewähltes Amt an, das als „Kalifat“ bezeichnet wird (al-khilaafah)52. D. h. im Groben, wir haben zwei Meinungen: 1. göttlich erwählt und 2. menschlich gewählt. Im Endeffekt aber, bedeutet es bei beiden, dass derjenige, der diese Verantwortung übernimmt, der Nachfolger des Propheten Mohammad (s) auf Erden ist. Der Unterschied liegt also an sich nicht im Ergebnis, sondern in der Art und Weise des Weges, wie dieser bestimmt wird. Dies bringt jedoch entscheidende Folgen mit sich. Während die schiitische Sicht einen von Gott (swt) erwählten Führer hat, braucht sich der Gottesfürchtige keine Sorgen machen, dass dieser unislamisch handelt, denn Allah (swt) ist All-Weise (h’akiim) und All-Wissend (a’liim). Das Letztere, d. h. die All-Weisheit Gottes (swt) ist von allen Richtungen im Islam anerkannt. Und die All-Weisheit verlangt, dass diese auch den weisesten und gottesfürchtigsten Führer unter den Menschen erwählt. Wiederum, wenn das Amt des Nachfolgers des Propheten Mohammad (s), durch ein menschliches Gremium gewählt werden würde, so kann man nicht mehr von einer unmöglichen Fehlentscheidung sprechen. Ein Mensch kann weise sein, jedoch nicht All-Weise, so wie es einzig und allein Allah, der Erhabene, ist. Vereinfacht heißt dies, dass es im zweiten Fall sein könnte, zumindest wenn man sich dies logisch vorstellt, dass die Muslime einen Frevler als Oberhaupt bekommen. Dies wäre, wie gesagt, im ersten Fall (göttliche Ernennung), selbst logisch gesehen, unmöglich (mah’aal), denn wenn dies der Fall wäre, so wäre es ein logischer Widerspruch in sich selbst. Vereinfacht gesagt würde dies heißen, d. h. wenn der Nachfolger des Propheten (s) von Gott (swt) erwählt wäre und dennoch ein Frevler ist, dass Allah (swt) zur gleichen Zeit All-Weise und nicht All-Weise wäre und das ist unmöglich.

Wie gesagt, kann es im zweiten Fall sein, d. h., wenn Menschen den Nachfolger wählen, dass dieser, im Logischen betrachtet, ein Frevler sein kann. Dies zeigt sich auch in einigen sunnitischen Quellen. Wie z. B. in „Sahih Muslim“ wird von Huzayfah bin al-Yamaan überliefert, dass der Prophet (s) gesagt habe: „Nach mir wird es eine Gesellschaft geben, die nicht durch meine Rechtleitung geleitet sind und nicht nach meiner Lebensweise (sunnati) handeln und es werden unter ihnen Männer herrschen, dessen Herzen, die Herzen der Teufel sind im Körper eines Menschen.“ Daraufhin frage Huzayfah den Propheten (s), was denn getan werden solle, wenn man diesen (zeitlich) begegnet. Der Prophet (s) habe, im Wortlaut dieser Erzählung, geantwortet: „Gehorchet und seiet dem Fürsten (al-amir) loyal gegenüber, selbst wenn ihr auf euren Rücken geschlagen werdet und euer Hab und Gut genommen wird, so gehorchet und zeigt Loyalität.“53

Dem Kalifen, der hier Fürst genannt wurde, muss ausnahmslos gehorcht werden. Das Widersprechen gegen einen (solchen) Kalifen wäre Ungehorsam und sündhaftes Verhalten, wie wir in einer weiteren sunnitischen Überlieferung erkennen können. Folgende Überlieferung lesen wir in „Sahih al-Bukhari“: Es wird von Ibn Abbas überliefert, dass der Prophet (s) gesagt haben soll: „Wer etwas an seinem Fürsten verabscheut, so geduldige man sich, denn wahrlich, wer (nur) eine Spannbreite gegen den Sultan vorgeht, der stirbt den Tod eines Unwissenden.“54

Einige haben später versucht die Inhalte solcher Überlieferungen zu erklären, um ein gemäßigteres Bild davon zu bekommen. Wie dem auch sei, die Wirklichkeit, mindestens zur damaligen Zeit, sah genauso aus. Aber wenn man ehrlich sein will, dann sehen wir diese verkehrte Weltanschauung noch heute. Wie zum Beispiel der Großmufti und stellvertretende Justizminister des Königreiches Saudi Arabien – Abd al-Aziz bin Abdullah Aal ash-Shaikh – sagte in der TV-Sendung „Mit dem verehrten Mufti“ (ma‘ samaah’at al-mufti) auf dem TV-Sender „al-Majd“, dass der Treueid Yazid dem Sohne Muawiyahs, ein rechtmäßiger wäre und somit, wer gegen ihn vorgeht, sei sündig und al-Hussein ibn Ali (a) ging gegen Yazid vor. Weiter sagte er: „Die Ahl as-Sunnah sind sich darüber einig, dass, wenn sich die Menschen auf jemanden einigen, den sie den Treueid geben, so ist es den Menschen verpflichtend diesem auch zu gehorchen und loyal zu sein und das Vorgehen gegen ihn ist verboten. Al-Hussain hat sich nicht daran gehalten, so wurde er – möge Allah mit ihm zufrieden sein – getötet … Es war Al-Hussein eine Verpflichtung Yazid den Treueid zu geben …“ Am Ende sagte er: „Wir bitten Allah, dass Er al-Hussain (r) vergibt.“

An dieser Stelle wollen wir noch nicht auf Yazid ibn Muawiyah eingehen, jedoch erkennt man daran, vor allem weil dies von dem höchsten Mufti des Königreiches Saudi Arabien stammt, dass man dem Kalifen, egal was für Eigenschaften dieser besitzt, gehorsam sein muss. Und in einigen Überlieferungen lesen wir sogar, dass derjenige, der gegen den Kalifen aufsteht bzw. rebelliert, ein Ungläubiger ist. Da dies auch aus den sunnitischen Überlieferungen zu entnehmen ist, ist hier auch wieder das zweite Verständnis des Kalifats gemeint.

Die Kamelschlacht

Kommen wir wieder zurück zum Geschehen. Wie gesagt, es zeichneten sich innermuslimische Spannungen ab. Auf der einen Seite waren die Anhänger Imam Alis (a), den die Muslime rechtmäßig zum (vierten) Kalifen gewählt hatten, indem sie ihm (a) den Treueid geleistet haben. Auf der anderen Seite waren die von Hass und Neid erfüllten Umayyaden, die ebenfalls Leute auf ihre Seite ziehen konnten und dies vor allem mit dem Slogan: „Rächer des unterdrückten Kalifen Uthman“. Unter ihnen waren Persönlichkeiten wie Talh’a und Zubayr, der anfangs, d. h. direkt nach dem Dahinscheiden des geliebten Propheten Mohammad (s), noch auf der Seite Imam Alis (a) stand. Ebenfalls hat sich A’ischa, die Gattin des Propheten (s), auf ihre Seite geschlagen. Sie trafen sich in Basra, um einen Krieg gegen Imam Ali (a), dem (vierten) Kalifen, anzuzetteln. Es gab nun eine wirkliche Bedrohung für die Regierung und die Muslime an sich. Daraufhin gab es auch Schlichtungsgespräche vom Gouverneur des Gebietes Hijaz, jedoch waren die Oppositionellen, wenn man sie so nennen darf, so engstirnig, dass all dies nichts brachte. Es kam schließlich, nicht einmal fünf Monate nach dem Tode Uthmans, zum Kampf. Dieser wurde im Raume Basra ausgetragen und wurde unter dem Namen „Kamelschlacht“ bekannt, weil A’ischa auf einem Kamel sitzend anwesend war.

Es wird berichtet, dass etwa 10.000 Menschen in dieser Schlacht ihr Leben verloren hatten. Die Truppen Imam Alis (a) gewannen diese Schlacht und der Bruder A’ischas, Mohammad ibn Abi Bakr, holte sie von ihrem Kamel herunter und brachte sie anschließend in ihr Haus in Medina55. Imam Ali (a) erließ im Anschluss einen allgemeinen Straferlass (Generalamnestie), so dass ein eventueller Aussöhnungsprozess begünstigt werden könne. Dies bedeutete, dass niemand von den Kriegstreibern und ihren Anhängern bestraft werden wird. Viele, vor allem Anhänger der Bani Umayyah, gingen nach Schaam und verbündeten sich mit Muawiyah.

Neue Spannungen bahnen sich an

Zuvor hat Muawiyah zwar politische Intrigen gegen Imam Ali (a) gefördert und publiziert, jedoch war er militärisch nicht der direkte Drahtzieher. Einige berichten, dass er zwar bei der Kamelschlacht dabei war, aber eher als Zuschauer von außen. Wie dem auch sei. Nachdem die Umayyaden, Talh’a, Zubayr und A’ischa, die Kamelschlacht verloren hatten, flohen viele von den Gegnern Imam Alis (a) nach Damaskus, das Muawiyahs Machtzentrale darstellte. Obwohl Imam Ali (a) der rechtmäßige Kalif jener Zeit war, konnte es Muawiyah, neben den alten Rivalitäten und Neid, die er gegenüber Bani Haschim hatte, nicht verkraften, dass er seines Amtes enthoben wurde. Außerdem brachte die Niederlage der Kamelschlacht seine Machtaspirationen noch mehr in Bedrängnis. Ihm blieb nichts anderes übrig, als selbst, unter seiner Führung, zu kämpfen. Nun wollte auch er militärisch gegen den anerkannten Kalifen rebellieren. Muawiyah hat der Islam an sich nicht interessiert, sondern nur das, was er mit diesem erreichen konnte, und zwar Macht. Er wusste, dass die Machtposition zur damaligen Zeit das Kalifat war und diesem gehorcht werden müsse.56 Es passierte das, was schon absehbar war. Muawiyah mobilisierte ein Heer, das gegen Imam Ali (a) und seine Anhänger kämpfen sollten. Die Schlacht fand, nur etwa acht Monate nach der Kamelschlacht, in einem Gebiet namens „Siffin“57 statt. Die Heere beider trafen aufeinander. Es wird berichtet, dass Imam Alis (a) Heer aus ca. 80.000 Mann bestand und Muawiyahs aus ca. 120.000. Imam Alis (a) Feldherr war Malik al-Aschtar (r) und Muawiyahs Feldherr war A’mr ibn al-A’as.

Gegen Ende des Krieges wurde offenkundig, dass Muawiyah den Krieg verlieren wird, so hatte A’mr ibn al-A’as eine heimtückische Idee, die einen großen Effekt zeigen sollte. Er sagte den wichtigen Persönlichkeiten von Damaskus, dass sie alle den Heiligen Koran auf ihre Lanzen stecken sollen und so gerüstet das Heer Imam Alis (a) entgegnen. Ihre Forderung war, dass sie den Krieg beenden und ein Schiedsgericht eingeholt werden soll. Jedoch gab es einige Heuchler (munaafiquun), die dieser Intrige zustimmten und viele andere sind darauf reingefallen. Obwohl Imam Ali (a) sie zuvor warnte und sagte: „Oh Leute, tappt nicht in diese Falle von Täuschung und Trickserei. Sie greifen zu diesem Mittel, um die schmähliche Niederlage zu vermeiden. Ich kenne den Charakter jedes Einzelnen von ihnen. Sie sind weder Anhänger des Koran, noch haben sie irgendetwas mit Glauben oder Religion zu tun. Der Sinn unseres Kampfes bestand darin, dass sie dem Koran folgen und gemäß dessen Befehlen handeln sollten. Um Allahs Willen, fallt nicht auf ihr Täuschungsmanöver herein. Schreitet voran mit Entschlossenheit und Mut und lasst erst ab, wenn ihr den untergehenden Gegner besiegt habt.“58

Trotz dieser Worte wollten sich die Menschen nicht besinnen. Sie drohten ihm (a): „Oh Ali, wenn du nicht auf den Ruf des Korans hörst, dann werden wir mit dir so verfahren, wie wir mit Uthman verfahren sind. Beende die Schlacht und beuge dich dem Richtspruch des Koran!“59 Das heißt, sie drohten ihm (a) mit dem Tod. Somit wäre das Kalifat wieder ins Wanken gekommen und Imam Ali (a) wusste, was das für die Muslime heißen würde: Unterdrückung durch Muawiyah.

Imam Ali (a) sah sich, dem Wohle der Muslime zugunsten, gezwungen, ihrer Forderung nachzukommen. Muawiyah, der nichts mit dem Islam am Hut hatte und keinen Funken islamischer Moral besaß, hatte all diese Menschen verblendet. Daran kann man auch sehen, wie ungebildet die Menschen auf der Seite Imam Alis (a) waren, die sich heuchlerisch verhalten hatten. Muawiyahs und A’mrs List war aufgegangen, Imam Alis (a) Heer war zerstritten und die militärische Niederlage Muawiyahs und somit sein Untergang, wurden damit aufgehoben.

Schiedsspruch ins Verderben

Beide Parteien sollten eine Schiedsrichter ernennen, so dass diese die Angelegenheit des Kalifats mit dem Koran richten. Muawiyah legte, wie konnte es auch anders sein, die Intrige in Person A’mr ibn al-A’as als seinen Schiedsrichter fest. Die Leute auf der anderen Seite riefen nach Abu Musa al-Ascha’riy. Jedoch sah Imam Ali (a) ihn nicht als vertrauenswürdig an und schlug Malik al-Aschtar und Abdullah ibn Abbas vor. Sie sollten sich einen von beiden aussuchen. Sie waren jedoch so auf Abu Musa verbissen, dass sie niemanden anderes wollten, außer ihn. Imam Ali (a) sagte daraufhin: „So tut, was ihr wollt. Der Tag, an dem ihr eure eigenen Hände durch eure Missetaten abschneiden werdet, ist nicht fern.“60

Um es kurz zu halten: A’mr ibn al-A’as, der Schiedsrichter Muawiyahs, überlistete Abu Musa al-Ascha’riy, nämlich indem A’mr ihn überzeugte, dass beide, d.h. Muawiyah und Imam Ali (a), als Kalifen nicht in Frage kommen würden, so dass die Muslime einen neuen Kalifen wählen müssten. A’mr ibn al-A’as forderte Abu Musa auf, als erstes die Kanzel zu besteigen und ihr Ergebnis kundzutun. Daraufhin betrat Abu Musa die Kanzel und sprach, wie vereinbart: „Ich nehme beiden, Ali und Muawiyah, ihr Amt und bekräftige dies, indem ich mir nun diesen Ring hier, den ich trage, vom Finger ziehe …“. Er zog sich den Ring vom Finger und stieg von der Kanzel. Nun war A’mr an der Reihe. Er verkündete: „Auch ich erkenne Ali das Kalifenamt ab und betraue Muawiyah mit dem Kalifat.“ Abu Musa war empört, wie er ihn überlisten konnte: „Wir hatten doch etwas anderes abgemacht, wie konntest du nur so handeln?!“. Doch die Entscheidung war gefallen. Die Kämpfer an Imam Alis (a) Seite, die sich im Kampfe überlistet lassen haben, die zum größten Teil alle aus dem Irak stammten, waren ebenfalls empört und begriffen nun was geschehen war. Sie forderten Imam Ali (a) auf, gegen Muawiyah zu kämpfen. Doch dies kam nun zu spät, denn es gab einen (aufgezwungenen) einjährigen Waffenstillstand mit Damaskus.

Es sollte ein Schiedsspruch nach dem Heiligen Koran sein. Wo finden wir diesen wieder? Gab es nur einen Funken von islamischem Brauch bei diesem Schiedsspruch? All dies spiegelte die Politik und Vorgehensweise der Bani Umayyah und ihrer Schoßhündchen wieder.

Trotz dieser offenkundigen Intrige, wodurch klar wurde, dass diese Menschen keine Gottesfurcht besaßen und den Islam für ihre egoistischen Ziele ausnutzten, wurden weitere Leute, die sich noch auf der Seite Imam Alis (a) befanden, verblendet. Sie meinten zu ihnen, dass Muawiyah und Imam Ali (a) kein Recht dazu haben Schiedsrichter zu wählen und ihnen die Entscheidung zu überlassen. Dies sei allein Allahs (swt) Angelegenheit. Ihre Worte zeigten Wirkung, denn ihre Aussage war in sich korrekt, jedoch missbrauchten sie diese für ihre eigenen Machenschaften. Sie selbst wollten sich nicht dem Richtspruch Allahs (swt) unterordnen, sondern Imam Ali (a) als Kalifen absetzen, so dass sie (wieder) in Saus und Braus leben konnten. Obwohl es zuvor schon schwierig war für Imam Ali (a), fing nun die komplizierteste Periode für ihn (a). Viele seiner Gefolgsleute, die noch vorher auf seiner Seite standen, sagten ihm (a) die Gefolgschaft ab und brachten dasselbe Argument, mit dem auch sie überlistet wurden: ‚Was gibt dir das Recht, dich mit dem Schiedsgericht einverstanden zu erklären, denn dies gebührt allein Allah (swt).‘ Einige betitelten ihn (a) damit, dass er (Gott, der Erhabene bewahre) Unglauben (kuffr) begangen hätte. Imam Ali (a) erklärte ihnen den wahren Sachverhalt der Dinge und ermahnte sie mehrmals. Hier ein Ausschnitt aus seinen Worten gegen diejenigen, die sich von ihm (a) abschieden: „Möge euch ein Sturm ereilen, während euch kein Überlieferer mehr übrig ist! Soll ich denn nach meiner Überzeugung über Allah und meinem Kampf (an der Seite) mit Allahs Gesandten (s) gegen mich selbst Unglauben bezeugen? Ich würde sonst wahrlich irregehen und wäre nicht unter den Rechtgeleiteten. So kehrt dann zurück zu den üblen Heimstätten und kehrt um, auf die Spuren der Fersen! Wehe euch, ihr werdet nach mir umfassende Demütigung erfahren und scharfe Schwerter und Traditionen, welche die Unterdrücker als Gewohnheit gegen euch annehmen werden.“61

Dennoch hielten die Meisten an ihren Argumenten fest, verließen ihn (a) und gingen nach Nahrawaan62. Da sie sich von ihrem Imam (a) trennten, nennt man diese auch in der islamischen Geschichte „Khawarij“. Sie sagten, dass sobald Imam Ali (a) nach Damaskus reise, würden sie Kufa angreifen. Die Khawarij fingen an, sich eigene Vorstellungen vom Islam zu formulieren, wie z. B. dass es niemanden geben dürfe, der die Befehlsgewalt über sie hätte, außer Allah (swt). D. h., dass Imam Ali (a) in ihren Augen ein Sündiger sei. Imam Ali (a) sandte einige seiner Leute zu ihnen und später auch reiste er persönlich zu ihnen, um seine (a) Position zu erläutern. Die Khawarij kehrten nicht von ihrem Standpunkt ab und forderten Imam Ali (a) auf, sein Amt als Kalif niederzulegen. Er (a) aber sagte ihnen, dass das entscheidende Merkmal einer islamischen Führung nicht die Herrschaft sei, sondern die Wahrhaftigkeit. Die Khawarij waren engstirnig und nahmen seine Worte nicht an, so dass sie sich für eine Revolte gegen ihn (a) entschieden, und betitelten Imam Ali (a) als ein vom Glauben Abgefallener.

Dritter innermuslimischer Konflikt

Die Gegner Imam Alis (a) schlugen ihre Zelte in Nahrawan auf, um von dort aus ihre Revolte zu starten. Sie brachten den Gouverneur von Nahrawan, dessen Frau und Kind um. Daraufhin schickte Imam Ali (a) einen Vertreter, um die Lage zu prüfen. Dieser wurde ebenfalls von den Khawarij umgebracht. Nun war es wieder so weit. Ein dritter innermuslimischer Krieg wurde entfacht. Imam Ali (a) schickte seine Truppen gen Nahrawan. Dort angekommen, forderte er (a) die Auslieferung der Mörder des Gouverneurs und seiner Familie und des Vertreters. Die Khawarij weigerten sich und meinten, dass sie alle gemeinsam dafür verantwortlich seien. Der Imam (a) und rechtmäßige Kalif Ali ibn Abi Talib (a) bat ihnen an, sich vom Schlachtfeld zu entfernen und würde ihnen dafür eine Straferlass geben. Einige von den Khawarij nahmen dieses Angebot an und verschwanden, wiederum einige schlossen sich sogar Imam Ali (a) an, da sie seine (a) Wahrhaftigkeit wiedererkannt hatten. Dennoch standen in etwa 1800 Mann weiterhin auf dem Schlachtfeld, um gegen den Imam (a) ihrer Zeit zu kämpfen. Imam Ali (a) sagte zu den Khawarij: „Ich bin ein Warner für euch, auf dass ihr nicht zu Boden gestreckt werdet am Laufe dieses Flusses und in den Niederungen dieser Tiefebenen und ihr keine Beweise von eurem Herrn noch eine klare Ermächtigung habt. Ihr kamt aus euren Häusern gestürzt und dann fing euch das (göttliche) Schicksal. Ich hatte euch von diesem Schiedsgericht abhalten wollen, doch ihr habt euch mir verweigert in der Art von Gehorsamsverweigerung und Gegnern, bis ich meine Gedanken nach eurem Geschmack änderte. Ihr seid Zeitgenossen bar jeglichen Verstandes, von törichtem Urteilsvermögen. Ich habe euch – mögt ihr keinen Vater haben (d. h.: wehe euch) – nichts Schlechtes über euch gebracht, noch wollte ich euch Schaden zufügen.“63

Noch vor dem Krieg sagte Imam Ali (a) folgendes zu seinem Heer: „Ihr (d. h. die Khawarij) Untergang ist ohne (von) Tropfen (berührt zu werden), und bei Allah, nicht zehn von ihnen werden entkommen, während von euch nicht mal zehn umkommen werden.“64

Die Khawarij griffen Imam Alis (a) Truppen an und erlagen mit absoluter Unterlegenheit. Tatsächlich, wie es schon Imam Ali (a) prophezeit hatte, fielen alle, bis auf neun Personen und in den Reihen Imam Alis (a) kamen nur acht ums Leben.

Letzte Intrige in Imam Alis (a) Leben

Die Khawarij hörten mit ihrer Engstirnigkeit nicht auf. Die Überlebenden von ihnen entsandten Mörder, um drei Personen umbringen zu lassen: Muawiyah, A’mr ibn al-A’as und Imam Ali (a). In der Frühe, am 19. des heiligen Monats Ramadan 661 n. Chr65., wurde Imam Ali (a), der mitten im Frühgebet vertieft war, von Abd ar-Rahman ibn Muljam niedergeschlagen. Zwei Tage später, d.h. am 21. des Monats Ramadan erlag der heilige Imam (a), der Fürst der Gläubigen, das Erbe des Wissens des Propheten Mohammad (s), seiner Verletzung und fand das Martyrium.

Es gibt jedoch ein großes Fragezeichen unter den Historikern, wer nun wirklich hinter dem Mord steckte. Waren es die Khawarij? War es Muawiyah? Einige behaupten sogar, dass es nicht stimmte, dass neben Imam Ali (a) auch Muawiyah umgebracht werden sollte. Wie dem auch sei, es gibt sehr große Indizien dafür, dass Muawiyah zumindest an dem Komplott gegen Imam Ali (a) beteiligt war.

Traum der Umayyaden wird wahr

Imam Ali (a), der den Menschen den Islam wahrhaftig zu Herzen bringen wollte, der wieder Gerechtigkeit walten lassen wollte, der den Intrigen und gesellschaftlicher Ungleichheit ein Ende bereiten wollte, wurde ermordet. Nun war endlich der Traum der Umayyaden Wirklichkeit geworden. Doch ein Problem hatten sie noch: Imam al-Hassan (a), dem die Leute in Kufa (Irak) den Treueid schwuren, und somit rechtmäßig zum fünften Kalifen gewählt wurde.

Trotz dessen ernannte sich Muawiyah noch in derselben Zeit, d. h. im Jahre 40 n. H.66, selbst zum Herrscher über die Muslime und die gesamte islamische Welt. Dadurch konnte der Rest Tugend, der noch übrig geblieben war, komplett zerstört werden und ein egozentrischer, machtgieriger Herrschaftsstil walten. Muawiyah ging sogar so weit, dass er sich als den „Fürsten der Gläubigen“ bezeichnen ließ.67 Die Menschen in Damaskus lagen Muawiyah zu Füßen. Er hat sie mit Gewalt unterdrückt oder mit schmackhaften Geschenken unmündig gemacht. Es war schon für Imam Ali (a) schwierig gegen sie anzukommen, jedoch desto mehr man sich zeitlich von der Zeit des Propheten Mohammad (s) entfernte, desto prekärer wurde die Lage. Außerdem kam nun noch hinzu, dass Muawiyah sich selbst zum Kalifen erklärte. Dies verschaffte eine problematische Situation, denn man hatte nun nicht mehr nur einen Kalifen vor sich, sondern zwei, wenn auch einer davon unrechtmäßig war. In der Zeit nach dem Tode Uthmans, hatten die meisten Leute Imam Ali (a) den Treueid ausgesprochen und niemand anderes wagte sich gegen Imam Ali (a) zu kandidieren, da sie seinen erhabenen Stand kannten.

Fußnoten:

52 Im koranischen Verständnis hat das „Kalifat“ jedoch noch andere Bedeutungen.

53 Muslim ibn al-Hajjaaj, Sahih Muslim, Buch 34, Kapitel „Das Emirat“ (al-imaarah), Hadith 4891

54 Al-Bukhari, Sahih al-Bukhari, Buch 93, Hadith 7140; ähnliche Überlieferungen auch in Sahih Muslim, Buch 34, Hadith 4897; at-Tirmizi, Buch 1, Hadith 673

55 Dies geschah, weil der Prophet (s) vor seiner Rückkehr zu seinem Herrn (swt) seine Frauen befohlen hatte, in ihren Häusern zu bleiben.

56 Wie wir schon zuvor in den Überlieferungen und Ansichten gesehen haben.

57 Ein frühere byzantinische Siedlung am Euphrat (Irak), heute wird diese unter anderem als „Abu Hurayra“ bezeichnet, der auch auf der Seite Muawiyahs gegen Imam Ali (a) gekämpft hat.

58 Scharif Radhi Muhammad ibn Hussain, Pfad der Eloquenz (nahj al-balaaghah), dt. Übersetzung: Fatima Özogus, m-haditec, Band 1, S. 145

59 ebd, Band 1, S. 146

60 ebd, Band 1, S. 147

61 ebd, Band 1, S. 174

62 Ort in der Nähe von Bagdad

63 ebd, Band 1, S. 149

64 ebd, Band 1, S. 176

65 Dies entspricht: 40 n.H.

66 At-Tabari, Band 2, S. 4; Qabil al-Masu’usiy, Band 5, S. 14

67 Ibn Athir, al-Kamil fit-Tarikh, Beirut, Band 3, S. 403

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