Politische Lage (Teil 1)

Die politische Lage

Nachdem wir über die besondere Stellung Imam al-Husseins (a) bei Allah (swt) und Seinem Gesandten (s) gesprochen haben, sollten wir nun die politische Lage der damaligen Zeit behandeln, so dass man sich ein Bild davon machen kann, weshalb es zur Tragödie in Kerbala kommen musste.

Wenn wir die politisch-gesellschaftliche Lage, in der sich Imam Hussein (a) befand, verstehen wollen, so dürfen wir nicht im Jahre 60 n. H. beginnen, sondern benötigen noch einige Vorkenntnisse in der islamischen Geschichte. Es ist klar, dass wir in diesem Umfang keine ausführliche politische Analyse aller historischen Ereignisse darlegen können, jedoch sollten wir versuchen, den Kern der Problematik zu verstehen, um uns etwas in die Lage hinein versetzen zu können.

Nach dem Propheten (s) – Erste Probleme

Schon nachdem der heilige Prophet Mohammad (s) zu seinem Schöpfer (swt) zurückgekehrt ist zeichneten sich Probleme ab. Da sich aber das Thema „Aschura“ sehr stark mit dem Thema der Umayyaden40 auseinandersetzt, möchtet wir uns im Besonderen darauf begrenzen. Omar ibn al-Khattab41, der zweite Kalif, war zu Zeiten des ersten Kalifen Abu Bakr42 dessen engster Berater. Kurz vor dem Ableben Abu Bakrs, ernannte er Omar zum zweiten Kalifen. Im Jahre 634 n. Chr. übernahm er dann das Amt des Kalifen über die Muslime. Nach nur kurzer Zeit erweiterte Omar sein Kalifat zu einer Großmacht und Vormachtstellung im Nahen Osten. So wurden Palästina (634 n. Chr.) und Ägypten (639-642 n. Chr.) durch A’mr ibn al-A’as erobert. Syrien wurde durch Khalid bin Walid und der Irak durch Sa’d ibn Abi Waqqas im Jahre 636 n. Chr. erobert. Es gab also enorme Expansionen und Eroberungen, die oft durch vertragliche Regelungen erleichtert wurden. Dies verlangte von Omar, dass er verschiedene Statthalter und Gouverneure in den unterschiedlichen, eroberten Regionen einsetzen musste, so dass dort seine Politik weiterhin standhalten könne. Eine der relevantesten Provinzen der Muslime war die in Schaam mit Verwaltungssitz in Damaskus. Schaam war eine Provinz, die sich nicht nur auf Syrien beschränkte, wie es heute einige Historiker fälschlicherweise behaupten. Schaam umfasste neben Syrien, auch den gesamten Libanon, Palästina und große Teile Jordaniens und einige meinen sogar, dass gesamt Jordanien dazugehörte. Im Jahre 639 n. Chr. hat Omar, mit der Bemerkung, dass es viele Gefährten des Propheten (s) gab, Muawiyah ibn Abi Sufyaan als Gouverneur von Schaam eingesetzt. Muawiyah errichtete sich daraufhin einen prächtigen Palast in Damaskus. Wir können heute sagen, dass die Ernennung Muawiyahs als Gouverneur, egal in welcher Region, eine der größte Fehlentscheidung in der Geschichte der Muslime war.

Muawiyah und Bani Umayyah

Kommen wir kurz zur Person Muawiah, bevor wir uns wieder der politischen Lage widmen. Muawiyah ibn Abi Sufyan wurde im Jahre 603 n. Chr. in Mekka geboren und gehörte, neben seinem Vater Abu Sufyan, zum Stamm der „Bani Umayyah“. Beide gehörten lange Jahre zu den größten Feinden des Propheten Mohammad (s) und des Islams an sich. Selbst bei der Befreiung Mekkas, als sein Vater Abu Sufyan, wenn auch nur äußerlich, den Islam annahm, weigerte sich Muawiyah und verließ die Stadt. Erst als er gesehen hatte, dass es keinen anderen Ausweg mehr gab und er dadurch persönliche Vorteile erkannt hatte, nahm er den Islam im Jahre 630 n. Chr. an. Die Mutter von Muawiyah war Hind bint U’tbah, die dafür bekannt war, dass sie in der Schlacht von Uh‘ud, als die Bani Quraisch gegen die Muslime zu Felde zogen, das Herz Hamzas (r), dem Onkel des Propheten (s), herausreißen lies und wie ein wildes Tier fraß. Außerdem war Hind bint U’tbah für Ehebruch bekannt und von daher gibt es auch einige, die berichten, dass es nicht bekannt sei, wer tatsächlich der Vater Muawiyahs sei.

Es scheint eine uralte Familientradition der Bani Umayyah gewesen zu sein, die Haschim-Familie zu hassen. Schon der Großvater von Muawiyah, Umayyah hegte gegenüber seinen Onkel Haschim starke Hassgefühle. Genauso tat es auch Abu Sufyan gegenüber dem Propheten Mohammad (s) und Muawiyah dann gegenüber Imam Ali (a). Wir halten also fest, dass es einen eingeprägten Hass der Bani Umayyah gegenüber Bani Haschim gab.

Muawiyahs Vormachtstellung im Schaam 

Wie dem auch sei. Muawiyah konnte seine politische Machtstellung in Schaam noch unter Omar und auch unter dem dritten Kalifen, Uthman ibn Affan43, wahren. Muawiyah war eine sehr listige Persönlichkeit, denn er spielte schon länger mit dem Gedanken, die komplette „Herrschaft“44 an sich zu reißen, so dass die Bani Umayyah die Oberhand über die Muslime erreichen könne. Nachdem Uthman im Jahre 656 n. Chr. ermordet wurde, sah er die Zeit für sich gekommen dies zu tun.

Wie konnte es aber so weit kommen? Zuvor sagte wir schon, dass der Grundstein dafür von Omar ibn al-Khattab gelegt wurde, indem er Muawiyah in Schaam einen Gouverneursposten zuschrieb. Als Omar jedoch im Jahre 644 n. Chr. gestorben ist, änderte sich sehr viel für „Bani Umayyah“. Bevor Omar gestorben ist, bestimmte er ein Gremium, das aus sechs Personen bestand, die miteinander beraten und innerhalb von drei Tagen aus ihrer Mitte den Kalifen nach ihm bestimmen sollten. Diese sechs Personen waren: Imam Ali (a), Uthman ibn Affan, Zubayr ibn Awwam, Sa’d ibn Abi Waqqas, Abd ar-Rah’man ibn A’wf und Talh’a ibn U’baydullah. Von Anfang an war ersichtlich, dass sich die Auswahl auf Imam Ali (a) und Uthman beschränkte. Die Umayyaden waren jedoch mit Imam Ali (a) nicht einverstanden. Ebenfalls war Abd ar-Rah’man ibn A’wf auf der Seite von Uthman. Nach langen Diskussionen und Beratungen fragte Abd ar-Rah’man Imam Ali (a): „Wenn wir für dich stimmen, wirst du versprechen, gemäß dem Buche Gottes, der Tradition des Propheten und dem Vorgehen der beiden ‚Shaikhayn‘ (d.h. Abu Bakr und Omar) zu handeln?“. Es war absolut klar, dass Imam Ali (a) die letzte der drei Bedingungen nicht zustimmen wird, denn innerhalb der zwölf Jahre, nach der Rückkehr des Propheten (s) zu Seinem Schöpfer (swt), gab es allerlei Abweichungen von der Lebensweise des Propheten Mohammad (s). Und angenommen es gab keine Abweichungen, dann gab es aber noch das Problem, dass es unter beiden Kalifen, Abu Bakr und Omar, zu gleichen Sachverhalten verschiedene Handlungsweisen gab, die sich gegenseitig widersprachen. So antwortete Imam Ali (a) darauf: „Ich werde dem Buche Gottes, der Tradition des Propheten und meinem Wissen gemäß vorgehen.“ Uthman wiederum willigte auf alle drei Bedingungen ein, worauf sie sich dann für ihn (Uthman) entschieden.

An sich kann man sich nun viele Fragen in Bezug auf die Art und Weise des Vorgehens dieser „Wahl“ stellen. Wieso waren nur „Muhajirin“45 bei dieser Wahl anwesend, obwohl schon Abu Bakr zu seiner Zeit gesagt hatte, dass die „Ansaar“46 die Minister stellen sollen und ihnen absolutes politisches Mitspracherecht zugebilligt hatte? Und wenn es ein Gremium sein soll, das den Kalifen der Muslime wählen soll, weshalb waren es nur sechs Personen? Und wieso gab es die dritte Bedingung: „nach dem Vorgehen von Abu Bakr und Omar zu handeln“? War es etwa nicht essentiell nach dem Buche Gottes (swt) und der Tradition des Propheten Mohammad (s) zu handeln? Wie dem auch sei. Schließlich wurde Uthman ibn Affan zum neuen Kalifen ernannt. Was für unsere Untersuchung wichtig ist, ist dass Uthman nach und nach, den Leuten der Bani Umayyah, immer mehr politische Positionen und Ämter zuschrieb. Dies hatte zur Folge, dass die Ansar immer mehr aus dem politischen Geschehen verdrängt wurden.

Wenngleich sich Uthman damit einverstanden erklärte, die wichtigen Träger des Kalifats unter Omar auch in Zukunft in ihren Ämtern zu belassen, dauerte es jedoch nicht lang , bis er sie alle entließ und diese Ämter mit Personen aus seinem Stamm Bani Umayyah besetzte. Sicherlich war es nicht allein Uthman der den Antrieb dazu gab, sondern neben ihm auch seine Berater, wie Marwan ibn al-Hakam, den Uthman zum Gouverneur von Medina ernannte. Marwan ibn al-Hakam selbst gehörte ebenfalls zum Stamme der Umayyaden und war gleichzeitig Neffe und Schwiegersohn Uthmans. Er spielte eine ganz entscheidende Rolle in der anschleichenden Machtübernahme der Umayyaden. Somit wurde er Gouverneur der Stadt, aus der ihn der Prophet Mohammad (s) vertrieben hatte. Marwan und sein Vater al-Hakam waren hasserfüllte Feinde des Propheten (s) und seiner Ahlul Bayt (a), das von niemandem geleugnet werden kann.

Einige Jahre später wurde das Kalifat immer mehr zu einem profitbringenden Amt. Es war nun wesentlich, die Macht über Menschen zu haben und Ansehen zu besitzen. So wurde es zumindest von vielen betrachtet. Außerdem kann man sagen, dass es auch gar nicht verwunderlich war, denn viele Gouverneure in den Städten spiegelten nichts anderes wieder. Im Ursprung ist der Islam eine Religion, die Gleichberechtigung und Gerechtigkeit verlangt, was wir vor allem auch anhand der Verfassung von Medina erkennen können, die eine Art Gesellschaftsvertrag darstellte. So zum Beispiel Bilal, ein dunkelhäutiger Abbesinier47. Obwohl er die arabische Sprache keinesfalls so beherrschte und aussprach wie die ansässigen Araber, so wurde er zum Gebetsrufer der Muslime erwählt. Außerdem war er ein Sohn eines Sklaven und dennoch beauftragte man ihm mit dem Kommando über das islamische Heer. Unter seiner Führung waren hochangesehene Persönlichkeiten der Muhajirin und Ansar. Jeder Muslim war dem anderen Muslim gleichgestellt.

Kalifat Uthmans – Hochsaison der Umayyaden

Vor allem unter der Führung Uthmans änderte sich einiges in diesem Prinzip. Die Ämter wichtiger Städte und Provinzen wurden neu besetzt. Auffällig ist, dass diese Posten seiner eigenen Familienangehörigen, nämlich Bani Umayyah, übergeben wurden. Zum Beispiel nahm Uthman Sa’d ibn Abi Waqqas die Führung über Kufa und setzte dort Walid ibn U’qbah ibn Abi Mu’it ein, der ebenfalls, wie Uthman ibn Affan, dem Stamme Bani Umayyah angehörte. Es wird berichtet, dass obwohl nun drei der wichtigsten und größten Gebiete, nämlich Schaam, Kufa und Ägypten, in der Hand der Umayyaden war, dass einer der Umayyaden darüber empört war, dass Basra48, von einem Nicht-Umayyaden regiert wurde und zwar von dem Jeminiten Abu Musa al-Asha’riy. Erzürnt ging er zu Uthman und hielt ihm vor: „Wie, gibt es denn in deiner Umgebung nicht mal mehr ein einziges (Umayyaden-)Kind, das du nach Basra schicken könntest? Wie lange willst du denn diesen Greis (d.h. Abu Musa al-Asha’riy) noch in Kufa halten?!“49

Viele Muslime, die neu konvertiert waren, hatte der Gerechtigkeitssinn und das Gleichheitsprinzip im Islam imponiert. Jedoch verbitterte diese neue Lage, wie mit der Verteilung der Ämter umgegangen wurde, viele dieser Muslime. Man kann sagen, dass nun die islamischen Prinzipien stetig verschwommen und wieder das alte Arabertum und die damit verbundene Vetternwirtschaft, immer mehr zum Vorschein kam. Die Bani Umayyah gewannen kontinuierlich die Oberhand, indem sie sich die wichtigsten Gouverneursposten zusicherten, bzw. von Uthman zugesichert bekamen. Wenn man sich auch nur mal die Persönlichkeiten, die diese Positionen bekamen, genauer anschaut, so wird man erkennen, dass sie alle keine weiße Weste trugen. Das Erscheinen des wahrhaftigen Lichts, das Erscheinen der absoluten menschlichen Glückseligkeit – und zwar das Erleuchten des Islam – begann fortab trübe zu werden und zu erlöschen. Die Gedanken und Traditionen der vorislamischen Zeit wiederum erwachten auf ein Neues. Außerdem stieg eine stark materielle Einstellung immer mehr empor. Zur Zeit des heiligen Propheten Mohammad (s) hielten sich viele Muslime noch an ihr Vorbild, dem Führer der Menschheit, Prophet Mohammad (s), der in absoluter Bescheidenheit und Selbstlosigkeit lebte und dies auch predigte und vorlebte. In der Epoche von Uthman jedoch, änderte sich diese Lebenseinstellung unter den Menschen. Schon unter Omar ist die Staatskasse (bayt al-maal) zu einer beträchtlichen Summe angestiegen. Außerdem wurde das Gehaltsprinzip der „Staatsdiener“ (d. h. Gouverneure und sonstige Verantwortungspositionen) neu geregelt. Wenn man sich nur den Charakter der Verteilung der Ämter anschaut, dann wird sehr leicht ersichtlich, wie diese Verteilung der Gelder ausgesehen hatte. Es gab eine immer größere Veränderung der finanziellen Verhältnisse. Mit den Worten des 21. Jahrhunderts nennt man dies „die Kluft zwischen Arm und Reich wird immer größer“. Von daher hat auch Abu Z’arr al-Ghaffari (r), ein gottesfürchtiger Gefährte des Gesandten Gottes (s), gesagt: „Das, was ihr aus den eroberten Gebieten einnehmt, ist nicht euer persönliches Eigentum, sondern gehört in die Staatskasse (bayt al-maal) und steht allen Muslimen zu. Wer für den islamischen Staat etwas tut, hat Anspruch auf den ihm zustehenden Teil aus der Staatskasse. Und zwar in der Höhe, wie er wirklich benötigt. Was übrig bleibt, ist auf dem Wege Gottes zu verwenden.“

Den Umayyaden, wie soll es auch anders sein, denn sie waren die ersten Profiteure dieser neuen Politik, gefiel diese Kritik nicht und beschwerten sich bei Uthman. Sie meinten, er hetze die Bevölkerung gegen sie auf. Daraufhin wurde Abu Z’arr (r) nach Damaskus verbannt. Aber weil er ein Mensch war, der nach der Wahrheit strebte und sich nicht davor scheute, tat er auch dort Kritik an Muawiyah, der dort Gouverneur war. Man verordnete ihn nach Medina, wo er dann nach Rabadha50 verbannt wurde.

Selbstsucht und Profitgier unter den Beratern Uthmans, Übergriffe Muawiyahs auf größere Städte und unrechtmäßiges Entnehmen von Geldern aus der Staatskasse machte die Lage der Bevölkerung immer prekärer. Das Volk begann zu protestieren und im Heer machte sich Unzufriedenheit breit. Sie sagten: „Die Einnahmen aus den eroberten Ländern sowie auch aus denen, die mit uns einen Friedensvertrag geschlossen haben, stehen uns zu.“ Man konnte daran schon die ersten Formen einer Demonstration erkennen. Wie könnte es auch anders sein, denn die Gouverneure unter Uthman, sahen die Einkünfte als ihr persönliches Eigentum. Folgendes Beispiel verdeutlicht etwas das damalige politische Leben. Eines Abends saß Sa’id ibn A’as, der Gouverneur von Kufa, mit seinen Leuten zusammen und sagte: „Irak gehört den Quraisch.“ Daraufhin wand Aschtar Nakha’i, ein Jeminite, ein: „Wir haben dieses Gebiet durch Kampf erobert. Wieso soll es daher den Quraischis gehören?“ Abd ar-Rah‘man Asadi, Chef der Stadtpolizei, entgegnete ihm: „Du widersprichst dem Emir?“ Er gab daraufhin seinen Leuten ein Zeichen und sie fielen über den Jeminiten her und schlugen ihn.

Die Korruption und Verdorbenheit der politischen Landschaft wurde nun immer klarer. Anstelle korrekter und moralischer Ratschläge der Berater an Uthman gab es immer stärkeren Ausbau des unrechtmäßigen Profits aus der Staatskasse, Vetternwirtschaft und vor allem verschwanden stetig die Grundprinzipien des Islam. Das erstaunliche daran ist, dass sie behaupten streng gläubige Muslime zu sein und prahlten damit, Gefährten des Propheten (s) zu sein. Was ist aber in ihren Köpfen hängen geblieben? Die Gegebenheit ihrer politischen Machenschaften reicht als Antwort.

Opposition gegen Uthman

Dies führte zu großen Unruhen im Staat. Es bildete sich eine Opposition gegen Uthman und seine Berater, die ihre Zentren in Ägypten und in dem Irak hatten, denn unter anderem fand dort eine sehr umstrittene Verteilung der Gelder für den Staat und das Heer statt. Neben A’ischa, der Tochter von Abu Bakr und gleichzeitig Witwe des Propheten Mohammad (s), fochten auch Talh’a ibn U’baydillah und Zubair ibn Awwam, die beide in dem Gremium waren, aus dem der Nachfolger Omars gewählt werden sollte, die Herrschaft Uthmans an. Die Regierungsgewalt Uthmans und sein Leben wurden nun von mehreren Seiten bedroht. Uthman versprach zwar den Unzufriedenen zu ihrem Recht zu verhelfen, jedoch kamen ihm seine Berater immer wieder zuvor und hielten ihn davon ab. Wie zum Beispiel hatten die Leute in Kufa ein großes Problem mit ihrem Gouverneur, Walid ibn U’qbah. Dieser war ein Alkoholiker. Eines Tages betrat er die Moschee im betrunkenen Zustand und betete das Morgengebt vier Gebetsabschnitte, anstatt zwei. Dann drehte er sich zu den Mitbetenden und fragte, ob er das Gebet noch weiter ausweiten solle. Die Leute in Kufa wandten sich an Malik al-Aschtar. Eine Delegation unter seiner Führung ging zu Uthman, um die Absetzung seines trunksüchtigen Halbbruders, Walid ibn U’qbah, zu fordern. Dies wiederum wurde von Uthman abgelehnt. Daraufhin ging die Delegation zu Imam Ali (a). Er (a) ging zu Uthman, um ihn vor seiner Fehlentscheidung zu warnen, seinen Halbbruder im Amte zu lassen. Wie bereits erwähnt, versprach Uthman seinen Fehler zu korrigieren, jedoch mischten sich seine Berater immer wieder in seine politischen Entscheidungen ein. In diesem Fall war es Marwan ibn al-Hakam, der ihn umgestimmte hatte, Walid ibn U’qbah vom Gouverneursposten in Kufa abzusetzen.

Dies und die allgemeine politische Lage, veranlasste das Volk zu immer stärkerer Aufruhr und schließlich zur Rebellion. Es ist ein ganz natürlicher Verlauf den das Volk durchgemacht hatte. Wir können dies selbst in unserer heutigen Zeit sehen. Vor allem in der arabischen Welt. Völker waren mit der Unterdrückung und selbstsüchtigen, korrupten Politik der „Herrscher“ nicht mehr zufrieden und rebellierten. Menschenleben mussten dafür ausgelöscht werden und in manchen Fällen wurde das Staatsoberhaupt abgesetzt oder sogar getötet. Damals war es nicht anders als heute.

Die Rebellion begann damals zuerst in den Grenzgebieten und griff schließlich über in die Mitte des Geschehens. Schließlich passierte das, worüber uns in der Geschichte berichtet wird: Uthman, der Kalif der Muslime wurde von Muslimen umgebracht.

Das Erstaunliche an der ganzen Sache ist, dass Bani Umayyah nicht wahrhaben wollten, dass der Kern der Probleme und der Grund der Aufruhr im Lande, ihr eigenes Werk war. Sie waren so verblendet vor Hass und Machtgier, dass sie die Ermordung Uthmans auf familiären Rivalitäten begründeten. Um genauer zu sein, sie nahmen an, dass Bani Haschim, der Stamm des Propheten Mohammad (s) und seiner Ahlul Bayt (a), die Drahtzieher für die Ermordung Uthmans gewesen seien, um sich dadurch an die Umayyaden zu rächen. Am Tage des Mordes sagte Walid ibn U’qbah, der trunksüchtige Halbbruder Uthmans: „Ihr Bani Haschim, was wollt ihr von uns? Das Schwert Uthmans und sein Hab und Gut sind nun in eurer Hand. Ihr Bani Haschim, gebt die Waffe eures Neffen zurück! Raubt sie nicht, das geziemt sich nicht für euch! Oh Bani Haschim, wie sollten wir mild und freundlich zu euch sein, da doch Uthmans Rüstung und Pferde nun in Alis Hand sind … Wenn auch jemand das (kostbare) Wasser, das er in seinem Leben trank, vergessen sollte, so werde ich doch Uthman und seine Ermordung niemals vergessen.“

In diesen Worten, die nur um die 25 Jahre nach dem Dahinscheiden des Propheten Mohammads (s) gesprochen wurden, finden wir keinen einzigen Funken mehr von muslimischem Brauch und Verhalten. Das Zentrum der islamischen Aufklärung – Medina – hatte nun einen sehr negativen Wandel erfahren. Der Islam stand seinem Ende nahe. Aus jenen Worten können wir nichts anderes erkennen, außer Rivalität, Missgunst und Gehässigkeit gegenüber dem Stamme Bani Haschim. Wie bereits erwähnt, gab es schon zur Zeit von den Urvätern der Bani Umayyah Neid und Hass gegenüber Bani Haschim. Nichts änderte sich daran. Es war allgemein bekannt, dass Bani Umayyah den Leuten der Bani Haschim gegenüber hasserfüllt waren, weil der Prophet (s) aus ihren Reihen kam. Von islamischen Verstand wahrhaftig keine Spur, wie der Heilige Koran schon Jahre zuvor deutlich sprach: „Und Mohammed ist nur ein Gesandter. Vor ihm sind Gesandte dahingegangen. Wenn er nun stirbt oder getötet wird, werdet ihr umkehren auf euren Fersen? Und wer auf seinen Fersen umkehrt, der fügt Allah nicht den mindesten Schaden zu. Und Allah wird die Dankbaren belohnen.“51 Wahrlich, die Bani Umayyah kehrten zurück „auf ihren Fersen“, zurück in die Dunkelheit der vorislamischen Unwissenheit.

Nach Uthman

Nach dem Tode Uthmans war die allgemeine Aufruhr und Rebellion abgeklungen. Es war nun jedoch die Zeit gekommen, einen neuen Kalifen zu wählen. Nun gab es viele, die auf das Amt des Kalifen über die Muslime schielten und auf dieses Amt aspirierten. Wie z.B. Talh’a und Zubayr. Die Aufständischen, die zuvor mit der Politik Uthmans und den Machenschaften seiner Berater unzufrieden waren, stimmten zum Großteil für Imam Ali (a). Es gab in der Zeit unter der Kalifschaft Uthmans sehr viele Spannungen und Aufruhr in der Gesellschaft, so dass es nun sehr schwierig war wieder Gerechtigkeit einzuführen. Einige Historiker berichten, dass Imam Ali (a) nicht sofort das Kalifat annahm und meinte, dass sie doch einen anderen für dieses Amt verpflichten sollen. Imam Ali (a) wusste wie angespannt die Lage war und dass es sehr schnell zu einem Putsch kommen könnte. Die Bevölkerung allerdings sah, dass er (a) der Einzige für dieses Amt sei und leisteten ihm (a) den Treueid (baya’h) und damit wurde er offiziell zum neuen Kalifen der Muslime ernannt.

Es war keine leichte Aufgabe für Imam Ali (a) in dieser Situation wieder Normalität einkehren zu lassen. Ein großes Problem stellten auch die noch eingesetzten Gouverneure von Uthman, die die Menschen wieder auf die Fersen der vorislamischen Zeiten gebracht hatten. Diese wollten einen Kalifen, der ihnen eine offene Hand hat und zu Vetternwirtschaft und Korruption bereit ist. Dass Imam Ali (a) dem nicht entsprechen würde, war allen klar. Er (a) wollte keine privilegierte Schicht. Sein Ziel war soziale Gerechtigkeit und plädierte für einen schlichten und islamischen Lebensstil, d. h. nach dem Vorbilde des heiligen Propheten Mohammad (s). Wirtschaftlich gesehen verteilte Imam Ali (a) die Staatskasse gerecht, was den zuvor Privilegierten der Bani Umayyah ein Dorn im Auge war.

Außerdem setzte Imam Ali (a) die korrupten und verdorbenen Gouverneure Uthmans ab und entsandte neue in die Provinzen und Städte. Dass dies auf Widerspruch und sogar Feindschaft stoßen würde, war ersichtlich, aber dennoch konnte man deswegen nicht ihre Machenschaften weiter unterstützen. Vor allem das Amt des Kalifen, es ist mit größter Verantwortung vor Allah (swt) verbunden, was jedoch anscheinend nur Imam Ali (a) wahrhaftig erkannt hat, denn sonst gäbe es nicht solche Vertreter des Kalifen in den muslimischen Provinzen.

Wie vorherzusehen, kam es zum Widerstand der Ex-Beamten des Kalifat Uthmans. Es wurde für Zwiespalt in ihren Regionen gesorgt. So zum Beispiel sollte Sahl ibn Hunaif in Schaam eingesetzt werden, um Muawiyah ibn Abi Sufyan zu ersetzen. Dies konnte aber nicht geschehen, weil Muawiyah Leute entsandte, um den neuen Gouverneur von Schaam, Sahl ibn Hunaif, auf seinem Weg zu stoppen. Sie zwangen ihn gewaltsam zur Rückkehr.

Es haben sich nun Oppositionelle und Gegengruppierungen gebildet, die aus dem Lager Uthmans stammten und vor allem Bani Umayyah. Auch Talh’a und Zubayr, die selbst Bestrebungen für das Amt des Kalifen hegten und auch nachdem sie es nicht wurden, hatten sie weiterhin die Hoffnung nicht aufgegeben, Gouverneure in Kufa und Basra zu werden. Dies verbitterte sie sehr und daraufhin verließen sie Medina aus Protest.

„Uthman – der unterdrückte Kalif“

Nun zeichnete sich ein ganz neuer Vorwurf ab. Es war klar, die Opposition musste sich einen politischen Slogan ausdenken, so dass sie wieder zurück in die Ämter gelangen könnten. Ihr einziger Gedanke lag in der Staatskasse und Macht. Ihr Slogan war „Uthman – der unterdrückte Kalif“. Der Erste, der diesen Spruch öffentlich äußerte, war, wie konnte es auch anders sein, Muawiyah. Er hatte in Damaskus seine Machtstellung gefestigt. Obwohl Muawiyah Uthman in seiner schwierigsten Zeit nicht zur Seite stand, obgleich er sein Vertreter in Schaam war, nahm Muawiyah nun Partei für ihn ein. Nach seiner Ermordung nannte er Uthman den „unterdrückten Kalifen“. Muawiyah rief dazu auf das Blut Uthmans zu rächen, jedoch war er von listiger Natur und ein überaus linker Stratege in politischen Angelegenheiten. Er wusste, dass Imam Ali (a) von allen als ein Gottesfürchtiger und für seine hohen Tugenden bekannt war. So war es klar, dass er ihn (a) nicht als den Mörder Uthmans betiteln konnte. Hätte er dies gemacht, so gäbe es sicherlich eine starke Gegenreaktion. Was hat Muawiyah gemacht? Er schrieb an Imam Ali (a) einen Brief, in dem er ihn (a) aufforderte, ihm die Mörder Uthmans, die sich in seinen (Imam Alis (a)) Reihen befänden, auszuliefern, so dass er an ihnen Vergeltung übe und sich dann Imam Ali (a) unterordne. Einige fielen auf diese politische Intrige rein. Anfangs nahm man nicht an, dass diese Opposition so verbissen vorgehen würde. Es häufte sich jedoch die Anzahl derer, die kurz vorher noch Imam Ali (a) den Treueid gaben, aber nun, durch Muawiyahs Intrige, sich gegen Imam Ali (a) stellten. Sogar A’ischa, die Gattin des Propheten Mohammad (s), die zu Zeiten Uthmans eine Gegnerin seiner Politik war, stand nun auf der Seite, die meinten, dass Uthman ein „unterdrückter Kalif“ gewesen sei. Damit stand sie ganz öffentlich gegen Imam Ali (a).

Es zeichnete sich zum ersten Mal in der kurzen Geschichte der Muslime, ein echter innermuslimischer Kampf ab. Aber es sei angemerkt, dass dieser allein von einer Seite ausging, nämlich von der Seite der Umayyaden aus und denen, die sie mit sich ziehen konnten. Bevor wir aber auf den weiteren Verlauf des Vorgehens gegen das Kalifat Imam Alis (a) eingehen, sollten wir kurz auf das allgemeine Verständnis des „Kalifats“ unter den muslimischen Richtungen eingehen.

Fußnoten:

40 Zurückzuführen auf „Bani Umayyah“. Die Umayyaden-Dynastie fing mit Muawiyah ibn Abu Sufyan im Jahre 660 n.Chr. an und endete in Damaskus mit Marwan II. ibn Muhammad ibn Marwan im Jahre 750 n.Chr.

41 Omar ibn al-Khattab (592-644 n.Chr), wurde 592 in Mekka als Sohn des Stammes „Bani Adi“ geboren. Adi ist der Bruder von Murrah.

42 Abu Bakr (572-634 n.Chr.), wurde 572 n. Chr. in Mekka als Sohn von Abi Quh’afah geboren und gehört dem Stamm „Banu Taim“ an. Taim war ein Sohn von Murrah und Bruder von Kilab.

43 Uthman ibn Affan (574-656 n.Chr.), wurde 574 in Mekka geboren und stammt, genau wie Muawiyah, von Umayyah ab und ist somit von Bani Umayyah

44 Im Anschluss werden wir uns mit dem Machtprinzip von Muawiyah beschäftigen, denn seine Vorstellung vom Kalifat war eine andere, als die von Bani Haschim, die das Prinzip der gerechten Führerschaft (al-imaamah) ansahen

45 Diejenigen, die mit dem Propheten (s) nach Medina ausgewandert sind oder nach ihm (s) hinterher kamen.

46 Diejenigen, die die Bewohner Medinas waren, die den Propheten Mohammad (s) in ihre Stadt eingeladen haben und herzlich willkommen geheißen haben.

47 Bilal stammt aus Abbesinien, das heute Äthiopien genannt wird.

48 Ort im Irak

49 Dr. Schahidi, Analysierte islamische Geschichte, (Übersetzung von: Hella Kamalian), S. 165

50 Eine Wüste bei Medina.

51 Sure 3, Vers 144

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