In Erinnerung an den großen Gelehrten Shaheed Mohammad Baqir Al-Sadr (r)

Wenn wir über Ayatollah Sayyid Mohammad Baqir al-Sadrs Persönlichkeit sprechen wollen, dann könnten wir sehr leicht behaupten, dass er ohne Zweifel ein Genie war, ohne Zweifel eine Persönlichkeit, die seiner Zeit voraus war! Wenn wir im wörtlichen Sinn Einstein ein Genie nennen oder vor ihm wurde gesagt, das Leonardo da Vinci ein Genie war, dann könnten wir im gleichen Zusammenhang mit dem vollständigen Einverständnis der religiösen Gelehrten ganz einfach sagen, dass Shaheed al-Sadr ein Mann war, der seiner Zeit sehr weit voraus war.

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Shaheed al-Sadr lebte 45 Jahre lang, welches verglichen mit der „Lebenserwartung“ unserer Gelehrten (U‘lama) eine sehr kurze Zeitspanne ist. Im Alter von 45 Jahren, wird jeder, der den Islam studiert, immer noch als „jung“ betrachtet. Aber in diesen kurzen 45 Jahren revolutionierte Shaheed al-Sadr die akademischen und politischen Aspekte seiner Gesellschaft auf eine Art, wie es nur sehr wenige tun. Nur selten erscheinen in der Geschichte Persönlichkeiten wie Shaheed al-Sadr. Nur selten erlangt jemand solch einen Einfluss in solch einer kurzen Zeit, mit solch einem jungen Alter und in einer der schlimmsten Zeiten in der Geschichte des Islam.

Saddam al-Hussein führte eines der brutalsten und tyrannischsten Regierungen in der Weltgeschichte. Es war zu jener Zeit, als  Shaheed al-Sadr seine Stimme erhob. Zu jener Zeit begründete er einen politischen Prozess. Einen politischen Prozess zu schaffen benötigt Aufopferung und die Art und Weise wie sich Shaheed al-Sadr aufopferte, wie er seine Arbeit machte, in einer Umgebung, in der niemand die Energie und die Kraft dafür hatte – er wuchs in dieser Umgebung auf und versuchte eine Nation, welche sich am Boden befand aufzubauen. Er tat dies allein und mit einem bemerkenswerten Mut. Er hatte einen unglaublich beeindruckenden Charakter, besonders wenn man betrachtet, dass er diese ganzen Aktivitäten durchführte, als er den Stand eines „Marja‘ ut-Taqleed“ (d. h. ein Rechtsgelehrter, der die selbstständige Rechtsfindung besitzt und den Status hat, dass andere ihn in seiner Rechtsfindung befolgen) besaß. Als er diese Position besaß, wurde er unter Hausarrest gesetzt und es gab zeitweise kein Essen in seinem Haus.

Frühes Leben und Ausbildung

Sayyed Mohmmad Baqir al-Sadr wurde am 1. März 1935 geboren und fand den Märtyrertod am 9. April 1980. Zu diesem Zeitpunkt war er 45 Jahre alt. Shaheed al-Sadr stammte aus der Familie Sadr. Diese Familie ist von der Abstammung her Kadhimi und er wurde in Kadhimiyya (im Irak) geboren. Im Alter von 10 Jahren ging er zur Heiligen Stadt Nadschaf. Wie Imam Khomeini (r) musste er unter dem Schmerz leiden, dass er ein Waisenkind war. Er verlor im Alter von zwei Jahren seinen Vater. In dieser schwierigen Zeit ist es unklar, ob sein Vater auch den Märtyrertod fand. Wir haben nicht viele Informationen darüber wie er starb, aber unabhängig davon, dass er im Jahre 1937 starb, hinterließ er ein Waisenkind – Shaheed al-Sadr. Shaheed al-Sadr befand sich unter der Obhut von einigen großen Gelehrten dieser Zeit aus seiner namhaften Familie al-Sadr.

Der Name des Vaters von Shaheed al-Sadr  war Haidar al-Sadr. Er zählte zu den gottesfürchtigsten und frommsten Gelehrten. Shaheed al-Sadr studierte bei unterschiedlichen Lehrern in Nadschaf. Unter seinen Lehrern befand sich Ayatollah Sayyid Abul Qasim al-Khoei (r) und Ayatollah Muhsin al-Hakim (r). Im Alter von 25 Jahren begann er selbst, auf der Stufe des Idschtihad zu lehren. Wahrlich eine große Leistung! Das heißt, dass er nicht nur selbst ein Mujtahid war, sondern auch andere Geisteswissenschaftler lehrte ein Mujtahid, in so einem jungen Alter, zu werden. Im Grunde genommen in einem Alter, in dem die meisten Studenten fähig dazu werden dem Dars al-Kharij beizuwohnen, lehrte Shaheed al-Sadr Dars al-Kharij! Er schrieb „Unsere Philosophie“, im Alter von 24 Jahren, worüber wir etwas später sprechen werden.

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Manchmal denke ich, dass sein Charakter ähnlich war, wie der von Imam Khomeini (r). Der Einfluss dieser zwei Persönlichkeiten war ziemlich ähnlich. Imam Khomeini schrieb sein erstes Buch „Vierzig Hadithe“ im Alter von 24 Jahren und Shaheed al-Sadr schrieb „Unsere Philosophie“ im gleichen Alter.

Shaheed al-Sadr war auch in gewisser Hinsicht glücklich darüber, solche großartigen Studenten zu haben. In kürzester Zeit gingen aus seinem Unterricht einige große Gelehrte hervor. Er erzog Gelehrte, welche für ihre intellektuellen und politischen Errungenschaften weltbekannt wurden. Sayyid Baqir al-Hakim befand sich auch unter Shaheed al-Sadrs Studenten. Sayyid Kadhim Haeiri, der angesehen wird als einer der Topgelehrten des Iraks, war auch sein Student. Ein anderer seiner Studenten war Sayyid Kamal al-Haideri, welcher gegenwärtig ein großer Lehrer einer Hawzah in Qom (Iran) ist. Meine persönliche Meinung von seiner Persönlichkeit kommt vielleicht daher, dass ich Bücher wie „Unsere Philosophie“ und „Unsere Wirtschaft“ von Shaheed al-Sadr studiert habe. Ein anderer Grund könnte sein, dass ich die große Ehre hatte, einer der Studenten bei allen der drei Persönlichkeiten, den Studenten von Shaheed al-Sadr gewesen zu sein. Dies steuerte auch zu meiner starken Bindung zu ihm bei.

Sayyid Kamal al-Haideri erzählte uns einmal, dass eine Gruppe von Universitätslehrern zu Ayatollah al-Udhma al-Khoei (r) kamen und ihm erzählten, dass das Ausbildungssystem in der Hawzah schwach sei. Ayatollah al-Khoei (r) fragte sie, ob ihre Universität ein besseres, effektiveres System besäße. Sie sagten, dass an ihrer Universität Doktoranden ihren Abschluss erwerben. Sayyid Khoei fragte, wie viele Doktoranden an seiner Universität den Abschluss erwerben. Sie sagten, dass sogar wenn nur einer seinen Doktortitel machen würde, das bereits genug für die Universität sei. Als Reaktion antwortete Sayyid al-Khoei, dass er ihm einer seiner Studenten vorstellen werde. Er möge alle seine Doktoranden einladen, dass sie ihm über jeden Bereich, in dem sie meinen, dass sie Bescheid wissen, Fragen stellen dürfen. Ohne zu zögern, rief  Sayyid al-Khoei (r) nach Shaheed al-Sadr. Sayyid al-Khoei würde sie zu einem Wortgefecht herausfordern und behauptete, dass sie keinen finden würden, der sich besser als Shaheed al-Sadr in jedem Bereich auskennen würde – fragt ihn aus über Mathematik, Geografie, Philosophie, Geschichte, jedes Gebiet, in dem ihr Wissen besitzt. Wenn ihr denkt, dass ihr Sozialwissenschaften wie Wirtschaft, Politik, Psychologie oder einen anderen Bereich beherrscht, dann bringt das auf den Tisch. Ihr werdet die wahre Beherrschung und das Können erkennen, welches Shaheed al-Sadr in allen Bereichen besitzt.

Die H‘alaqat

Doch lassen Sie uns nun damit beginnen von Shaheed al-Sadrs geistigen Werken zu sprechen. Shaheed al-Sadrs Methode an einem Thema zu arbeiten war, dass er niemals eine Struktur oder ein Fundament benutzen würde, das von einem anderen gemacht worden ist. Keines seiner Werke ist so. Wenn Sie eines seiner Werke studieren, werden Sie feststellen, dass er noch nie an einer Grundlage eines anderen gearbeitet hat. Lassen Sie uns zuerst seine Werke, welche auf den Prinzipien der Rechtswissenschaft (Ilm al- Usul) beruhen, betrachten. Dies ist eines der Grundlagenfächer für die Studenten des Hawzah-Studiums, in dem sie lernen, wie man Gesetze ableitet. Er schrieb in diesem Bereich ein Buch genannt H‘alaqaat al-Usul. Der Grund, warum er dieses Buch schrieb war, dass der Lehrplan für Ilm al-Usul sehr akademisch und wissenschaftlich war. Man könnte es vergleichen mit dem Zuteilen eines Buches von Louis Pasteur an einem Studenten im Grundstudium der Chemie.

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Als ich als Student das Seminar belegte, waren diese Halaqats noch neu auf dem Lehrplan. Deshalb hatten wir die Chance, den alten Lehrplan mit dem von Shaheed al-Sadrs Arbeit zu vergleichen, um zu sehen welche neuen Ideen Shaheed al-Sadr auf den Tisch brachte. Als wir Shaheed al-Sadrs Arbeit lasen, verstanden wir wirklich, welche Autorität, Macht und Einzigartigkeit diese Schriftenreihen hatten. Er stellte einige der tiefgründigsten Ideen mit so wenigen Worten dar. Auch heute noch wird dieses Buch in den Hawzah-Seminaren von Nadschaf und Qom verwendet.

„Unsere Wirtschaft“ und „Unsere Philosophie“

Shaheed al-Sadrs akademische Errungenschaften kamen zu einer Zeit, als die Hawza in den Augen der Welt schwach war. Der Kommunismus befand sich im Irak auf seinem Höhepunkt. In seinem Buch Iqtisaduna (Unsere Wirtschaft), bezieht sich Shaheed al-Sadr auf die kommunistischen und sozialistischen Philosophen. Einige Bücher standen nur in Russisch und Arabisch zur Verfügung. Es gab in englischer Sprache nicht einmal eine Kopie dieser Bücher. Deshalb können Sie sich vorstellen, auf welchem Level die Kommunisten und die Sozialisten bei der arabischen Gesellschaft arbeiteten. Es gab kein Grundlagenbuch des  Kommunismus und Sozialismus, egal wie fundiert und wichtig das Thema war, es war nicht ins Arabische übersetzt.

Ein anderes Zeugnis ihrer Bestrebungen für die arabische Gesellschaft war, dass sie in vielen arabischen Ländern Baath-Parteien bildeten, obwohl sie nicht immer besonders organisiert waren. Jede Partei arbeitete getrennt in seinem betreffenden Gebiet. Es gab Niederlassungen der Baath-Partei in Syrien, Irak, Jordanien, sogar im Libanon. Baath bedeutet sich zu erheben, um eine Aktion durchzuführen. Offensichtlich waren die Baath für den Satan und nicht für Gott. Die Baath-Partei war sehr wissenschaftlich in ihrem Bemühen. Für gewöhnlich präsentierten sie den Sozialismus in seiner Tiefe und die Menschen, die Sozialismus im Irak lernten, lernten ihn intensiv und sehr ausführlich.

Nachdem die elementarsten und tiefsinnigsten Bücher des Kommunismus ins Arabische übersetzt waren und sich im Umlauf beim einfachen Volk befanden, wollte das einfache Volk den Islam aus dem Blickwinkel dieser Bücher kritisieren.

Shaheed al-Sadr startete zu diesem Zeitpunkt seine Mission. Im Alter von 24 Jahren schrieb er Falsafatuna („Unsere Philosophie“). Als wir Falsafatuna studierten, pflegten wir zu sagen, dass dieses Buch sich mit der islamischen Philosophie nicht auseinandersetzt. Es handelt von allem Möglichen, aber nicht von islamischer Philosophie. Er wählte „Unsere Philosophie“ als Titel dieses Buches, aber in Wahrheit war es eine Kritik an der östlichen und westlichen Philosophie. Was Kommunisten mit ihrer Philosophie ausdrücken, kritisierte er zum Beispiel. Er kritisierte, was die westlichen Kapitalisten sagen. Er kritisierte, was ihre Philosophie uns sagt. Und sogar in der Philosophie schnitt er grundsätzlich ein Gebiet an. Es gibt ein Fachgebiet, welches er besonders hervorhob, das eine sehr wichtige Position in der Philosophie besitzt.

Dieses Thema der Philosophie wird bei uns Ilm al-Ma‘rifa genannt (Erkenntnistheorie oder Theorie des Wissens). Dieses Thema ist etwas, von dem man sagen könnte, dass es das erste Thema in der Philosophie ist. Es ist eine Debatte über die Frage: Wie können wir wissen, dass das was wir sehen Wirklichkeit ist? Wenn ich etwas anschaue zum Beispiel und sage, dass seine Farbe schwarz ist, wie kann ich beweisen, dass diese Sache auch in Wirklichkeit schwarz ist? Ein durchschnittlicher Beobachter wird sagen, nun, dass ist offensichtlich. Du kannst ‚sehen‘, dass es schwarz ist. Aber die Frage ist nicht, ob wir sehen können, ob ein Ding schwarz ist oder nicht. Die Frage ist, wie wir beweisen können, dass das, was wir sehen, richtig bzw. wahr ist.

Hier kommen wir zum Thema von Ilm al-Marifa oder shanakht shanasi (in Farsi) – die Diskussion darüber, wie wir beweisen können, was wir wissen und was wir gelernt haben begründet ist. Sprich ist das Wissen richtig oder falsch?  Dazu gibt es viele Gedanken und Argumente, die die Philosophen niedergeschrieben haben. Ihr Hauptfokus lag darin, zu beweisen, dass der menschliche Geist nicht in der Lage ist, die Wirklichkeit zu verstehen. Selbst wenn die Menschen etwas verstehen, ist es ein subjektives Wissen, das nicht in einer objektiven Weise nachgewiesen werden kann. Das ist das, was sie wollten. Warum? Wenn du beweist, dass Gott existiert und sie dein Argument nicht widerlegen können, werden sie sagen, du glaubst an Gott, weil du ein Moslem bist, und deshalb machst du solche Argumente und im Gegenzug werden sie sagen, dass Gott nicht existiert. Und du kannst es nicht widerlegen, weil alles Wissen subjektiv ist. Solch eine skeptische Meinung wird möglich, sobald sie in der Lage sind, die Möglichkeit zu entwerten, das objektive Wissen zu beweisen.

Shaheed al-Sadr, Shaheed Mutahhari, und Allama Tabatabai und dergleichen – diese großen Gelehrten waren bekannt als „realistische Philosophen“. Ihre Arbeit lag darin zu beweisen, dass das, was ein menschlicher Geist weiß Realität ist. Es gibt eine ausführliche Diskussion darüber in „Unsere Philosophie“. Die Arbeiten von sozialistischen und kommunistischen Gelehrten, sogar die der chinesischen Sozialisten wie Mao Zedong, sind in „Unsere Philosophie“ enthalten, geprüft und schließlich als falsch erwiesen.

Nun lasst uns sein anderes Buch „Unsere Wirtschaft“ betrachten. Darin spricht er von der islamischen Wirtschaft. Wenn du irgendwo in der Welt hingehen würdest und irgendjemanden fragen würdest, Schiit oder nicht-Schiit, Moslem oder Nicht-Moslem, was das beste Buch über islamische Wirtschaftslehre sei, dann wirst du, obwohl Shaheed al-Sadrs Martyrium über 30 Jahre her ist, von ihnen immer ohne Zweifel und Zögern hören, dass es kein vergleichbares Buch gibt wie „Unsere Wirtschaft“.

Als der Lehrplan der islamischen Wirtschaftsabteilung der Islamischen Universität in Islamabad, Pakistan, entworfen wurde, schlug ein ägyptischer Gelehrter vor, „Unsere Wirtschaft“ als Grundlage zu verwenden. Als die Gelehrten aus Saudi Arabien den Vorschlag ein Buch eines schiitischen Gelehrten zu verwenden sofort ablehnten, forderte sie der ägyptische Gelehrte heraus, ein anderes Buch für das Curriculum vorzuschlagen. Es gab kein anderes Buch, das als Alternative präsentiert werden konnte. Dies ist ein Beweis dafür, dass es als Shaheed al-Sadr „Unsere Wirtschaft“ schrieb, nicht einmal ein einziges Buch zum Thema islamische Wirtschaftslehre gab, mit vergleichbarem Niveau!

„Unsere Wirtschaft“ ist ein wunderbares Buch. Shaheed al-Sadr versuchte zunächst die sozialistische Wirtschaft auseinanderzunehmen. Indem der dies tat, musste er die sozialistische Philosophie debattieren, insbesondere den Aspekt bekannt als dialektischer Materialismus. Der Sozialismus hatte fünf Stufen der menschlichen Geschichte konstruiert – als die Menschen zum ersten Mal erschienen, hatten sie ein bestimmtes Wirtschaftssystem, dann wandelte es sich in die Landwirtschaft, dann Kapitalismus und nun ist die Zeit des Sozialismus und die nächste Stufe wird die des Kommunismus sein. Sie argumentierten, dass dies unvermeidbar war. Der Hauptpunkt hier war der dialektische Materialismus.

Shaheed al-Sadr schrieb abschließend Kommentare zu jedem einzelnen Aspekt dieser Philosophie. Er kommentierte sowohl den dialektischen Materialismus als auch den Determinismus. Er wollte immer damit beginnen zu erklären, was die Menschen, die sich ihm entgegensetzten sagten. Zuerst wollte er den Sozialismus aus der Sicht seiner Befürworter beschreiben. Wenn sie über dialektischen Materialismus sprachen, würde er darüber sprechen, was er wirklich bedeutet und seine wahre Interpretation. Wie mir ein Schüler von Shaheed al-Sadr erzählte, nahmen die irakischen Sozialisten Material von Shaheed al-Sadrs Beschreibung des sozialistischen Gedankens und druckten daraus ein eigenes Buch. Sie wollten das Buch anderen Sozialisten geben, damit sie davon den Sozialismus lernten, da er dort bestens erklärt war!

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Shaheed al-Sadr wollte den Sozialismus sehr gerne aufbauen. Als er beginnen wollte diesen Argumenten Kontra zu geben, wollte er sie deswegen in Stücke zerfetzen. Das ist das Schöne an diesem Buch. Ein anderer interessanter Aspekt über Shaheed al-Sadrs „Unsere Wirtschaft“ ist, dass er zu Beginn sagte, dass es zwei Wege gäbe, um wahres Wissen über die islamische Wirtschaftslehre zu erlangen. Wir werden einer dieser zwei Pfade einschlagen müssen. Wir können die Theorie zur Sprache bringen und wenn es Gott uns erlaubt, werden wir es umsetzen – zu dieser Zeit war die islamische Republik noch nicht gegründet. Deswegen sagte er, lasst uns über die Theorie (Ilm) sprechen und wenn es Gott uns erlaubt, werden wir es umsetzen.

Der andere Weg wäre zu warten und zu schauen, ob Gott uns vielleicht eine Regierung gewähren würde. Dann würden wir diese Prinzipien einen nach dem anderen nach den Wünschen des Islam realisieren. Wenn wir das so machen würden, hätten wir in etwa 50-60 Jahren das vollständige System. Gott gewährte seinen zweiten Wunsch: eine Regierung wurde sehr langsam gegründet und nach 30 Jahren wurden nacheinander einige der wirtschaftlichen Prinzipien eingeführt – solche Systeme entstehen nicht in 25-30 Jahren! Der Kapitalismus kämpfte 200 Jahre, bevor es die Form eines Systems annahm. Wir müssen dieser Ordnung Zeit lassen und viele Opfer auf dem Weg lassen, um auch nur teilweise das wahre islamische Wirtschaftssystem zu Begründen.

Ein anderes Buch, welches Shaheed al-Sadr über die islamischen Wirtschaftswissenschaften schrieb, wurde „Bank La Rabbawi Fil Islam“ (islamisches Bankwesen ohne Wucherzinsen) genannt. Die Geschichte dieses Buches lautet wie folgt: Die Regierung von Kuwait erkannte, dass das Geld welches sie aus den Erträgen der Ölindustrie bekamen, in Zinsen angelegt wurden. Sie wollten einen Weg finden, um es zu  vermeiden, Zinsen zahlen zu müssen. Um dieses Problem zu lösen, organisierten sie eine moslemische Gelehrtenkonferenz. Shaheed al-Sadr war auch eingeladen, genauso wie viele saudische Gelehrte. Die saudischen Wissenschaftler taten ihr Bestes, um Shaheed al-Sadr am Kommen zu hindern. Als Ergebnis wurde die Einladung Shaheed al-Sadrs widerrufen. Shaheed al-Sadr war enttäuscht, dennoch schrieb er ein Buch und schickte es an die Konferenz. Sie schafften es Shaheed al-Sadr am Kommen zu hindern, aber sie konnten nicht verhindern, dass das Buch die Konferenz erreichte. Als das Buch in der Konferenz durchgelesen wurde, gab es kein anderes Buch, welches nur annähernd vom gleichen Niveau war. Die ganze Konferenz musste einräumen, dass er an der Konferenz hätte anwesend sein sollen.

So war seine Persönlichkeit! Er hatte den Entschluss gefasst an einem neuen Konzept zu arbeiten und schrieb darüber ein Buch mit einem völlig neuen Ansatz. Nun stell dir nur vor: Dieser Mann befand sich in Nadschaf, wo er keinen Zugang zu irgendeiner Bank hatte. Er hatte keinen Zugang zu einer internationalen Bank und anscheinend sollte er auch keine Einsicht in das Bankensystem der Welt gehabt haben. Dennoch schrieb er ein Buch über das Bankwesen, griff ein einziges Thema auf und bis heute ist die Welt verblüfft von seinem Genie.

Exegese des Korans

Shaheed al-Sadr schrieb auch einige Exegesen des Korans (Tafsir al-Qur‘an). Bevor er mit der aktuellen Exegese begann, unterteilte er diese in zwei Typen. Den einen nannte er „Exegese nach der Reihenfolge“, in welcher man einen Vers nach dem anderen in der richtigen Reihenfolge  behandelt. Die andere ist der „Thematische Exegese“. Nach dieser Methode stellt man eine Exegese zusammen, indem man analysiert, wie der Koran als Ganzes mit diesem bestimmten Thema umgeht. Die letztere Methode hat er favorisiert.

Das Thema, welches er wählte war eines, das nur wenige Gelehrte untersucht hatten. Was war dieses Thema? Er sagte er wollte wissen, welchen göttlichen Gesetzen Gesellschaften unterliegen. Er wollte wissen, welche Gesetze über Gesellschaften herrschen. Deshalb schrieb er eine Exegese über dieses Thema. Glücklicherweise wurde dieses Buch in Urdu, Farsi, Englisch und verschiedene andere Sprachen übersetzt.

Noch interessanter ist die Tatsache, dass sein Rechtsregelwerk mit dem Namen „Taudhih‘ul Masâ-il“ ebenfalls in einer einzigartigen Art und Weise geschrieben wurde. Er begann es nicht, so wie es allgemein üblich war, mit dem Thema der „Nachahmung in juristischen Fragen“ (taqlîd), stattdessen hat er das Buch mit den Grundlagen des Glaubens (Aqa’id) begonnen. „Warum sollten wir unser Leben nach der Religion von Allah richten“ – da begann er es! Er widmete diesem Thema fast 70-80 Seiten der arabischen Ausgabe.

Geschichtsschreibung des Fadak

Shaheed al-Sadr hatte sehr großen Respekt vor den Ahlul Bayt (a). Er verbrachte für gewöhnlich viele Stunden damit, am Schrein von Imam Ali (a) nachzudenken und zu überlegen. Als er aufgrund der ungünstigen Bedingungen dieser Zeit für ein paar Tage nicht zu Imam Alis (a) Schrein kam, erschien, laut einer Quelle, einem respektierten Gelehrten der Imam (a) im Traum und bat ihn sich bei Shaheed al-Sadr zu erkundigen, warum er nicht zum Vortrag des Imams (a) erschienen war. Die Bedeutung und die Symbolik dieses Traums zeigt den Ursprung von Shaheed al-Sadrs sehr hohem intellektuellem Niveau.

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Um seinen tiefen Respekt für Sayyida Fatima az-Zahra (a) auszudrücken, schrieb er das Buch „Fadak fit-Tarîkh“ (Fadak in der Geschichte). Das Buch untersucht die Probleme und die Umstände, in denen Fatima aufstand und sprach: Wahrheit an die Macht. Shaheed al-Sadr schrieb das Buch in seinem charakteristisch überzeugenden und verständlichen Stil. Ich glaube, er fühlte sich Sayyida az-Zahra (a) schuldig, wollte ihr dienen und er fühlte, dass er damit auf ihren Fall näher einging und sie verteidigte, dies der beste Weg war, um dies zu tun. Er wusste, dass einigen großen Gelehrten seiner Zeit dieses Buch gefallen würde und dass sein Buch vielleicht mit diesem Thema die geschlossenen Akten von Sayyida az-Zahras (a) Fall in den Augen dieser Gelehrten wieder öffnen wird. (Es wird berichtet, dass er erst elf Jahre jung war, als er dieses Buch geschrieben hatte.)

Sozialer und politischer Aktivismus

Shaheed al-Sadr war einer dieser Gelehrten, die sich nicht auf den Bereich des Wissens reduzierten. Er fühlte sich für das Leben seiner Mitmenschen verantwortlich. Er nahm die Verantwortung der Gesellschaft auf sich. Er musste sich mit dem System des Tyrannen Saddam auseinandersetzen.

Sayyed Kamal al-Haideri (h) erzählte uns einmal, dass er Shaheed al-Sadr während seines Hausarrests traf. Er wollte nur ein paar Leuten die Erlaubnis geben, ihn zu treffen. Sayyed Kamal al-Haideri sagte zu Shaheed al-Sadr, dass er er sich bis zum äußersten aufopferte, aber es würde keine Früchte in diesem Land tragen. Der Irak wird nicht hochkommen. Jeder wusste, dass Shaheed al-Sadr die Absicht hatte, sich selbst dafür zu opfern. Sayyid Kamal sagte, dass Shaheed al-Sadr seine Absichten mit einem Satz zusammenfasste, einem seltsamen Satz: „Jede Nation benötigt einen (Imam) Hussein, um eine Revolution zu machen.“ Jede Nation muss das reinrassige Blut eines Imam Husseins (a) vergießen. Sie würden ein Opfer bringen müssen. Er stimmte zu der Hussein seiner Ära zu sein. Er wusste, dass sie nicht sofort wachsen würden, aber seine Kinder würden nach ihm wachsen. Sein Blut würde Früchte tragen!

Shaheed al-Sadr wusste, dass sein Blut nicht vergeblich vergossen werden würde. Er würde sich opfern und langsam aber sicher, würde die Jugend aufwachen.  Im Zeitraum von 1987-89 trafen ich die Iraker und verbrachten Zeit mit ihnen. In diesen 2-3 Jahren verbrachte ich viel Zeit mit den Irakern. Damals waren acht Jahre seit seinem Martyrium vergangen.  Zu dieser Zeit begann die Jugend aus ihrem Schlaf zu erwachen und aus ihrem Zustand der Teilnahmslosigkeit. Zu dieser Zeit erwachte das Bewusstsein der Jugend und ein Gefühl von Selbstrespekt. Die Leute, welche mit Shaheed al-Sadr arbeiteten, erkannten, welch einen großen Verlust sie dadurch erlitten hatten, dass sie ihn verloren hatten.

Shaheed al-Sadr war ein Mann der Tat. Die islamische Dawa Partei (Hizb ud-Daa’wa), die Gruppe mit der er im Zusammenhang stand wurde bereits vor ihm gebildet.  Sie wurde im Jahr 1957 von einigen sehr achtsamen und frommen Leuten gegründet. Shaheed al-Sadr begann seine volle Unterstützung zu geben und versuchte um 1968 als er ihr beitrat sein Bestes, um sie intellektuell stark zu machen. Während er für die islamische Dawa Partei arbeitete, brachte er für gewöhnlich ein Magazin heraus, welches „Risalah al-Islamiyah“ (die islamische Botschaft) genannt wurde. Innerhalb kürzester Zeit war dieses Magazin verboten. Die Artikel, welche er für dieses Magazin schrieb, wurden zusammengestellt und als ein Buch, genannt „Risâlatuna“ (Unsere Botschaft), veröffentlicht.

Dieses Buch handelt sehr viel über Sozialarbeit und Aktivismus, das heißt, wie wir unsere gesellschaftlichen Bemühungen fortsetzen sollen. Wie wir in unseren Gesellschaften arbeiten sollten, welche Methoden wir nutzen sollten, was in verschiedenen Gesellschaften gemacht wurde als die Schiiten dorthin kamen, wie diese Bestrebungen fortgesetzt wurden u. s. w. Es ist ein sehr gutes Buch für jemanden, der etwas über einige der grundlegenden Prinzipien, wie man für eine Gesellschaft arbeitet, erfahren möchte.

Khilafat al-Ummah

Shaheed al-Sadr vertrat in politischen Angelegenheiten eine Ansicht, welche Khilafat al-Ummah genannt wurde. Die westlichen Denker versuchen immer zu zeigen, wie zwei Philosophen gegensätzliche Ansichten haben. Deshalb erfanden sie einen falschen Widerspruch, der wie sie behaupteten zwischen Khilafat al-Ummah und dem Konzept von Wilayat al-Faqih existiert. Jedenfalls waren diese Behauptungen Unsinn.

Shaheed al-Sadr wollte mit Khilafat al-Ummah ausdrücken, dass Allah die menschlichen Wesen erschaffen hatte, damit sie seine Statthalter auf Erden sein würden. Er sagte, dass die Menschheit den Eid und diese Position erfüllen wird bis ihre Führung in die Hände eines fällt, der die Religion kennt. Mit anderen Worten, wenn Menschen es anstreben, ihre Position als ein Stellvertreter Allahs zu behalten, muss die Führung der Gesellschaft in den Händen eines frommem Individuums liegen, einem Rechtsgelehrten (Faqîh). Dieses Konzept der Führerschaft über die islamische Nation ist von der Tatsache abgeleitet, dass Allah der einzige Herrscher über alles ist (Khilafat al-Illahiyah). Um der Statthalter des Herren zu werden, musst du dich stets auf dem Pfade Allahs befinden.

Er stand an vorderster Front, um zu opfern und um den ganzen Irak einzuladen, Imam Khomeinis (r) Beispiel zu folgen. Der Grund dafür war vielleicht die Tatsache, dass der Irak das Land war, das das Potenzial hatte, am meisten von Imam Khomeinis Sichtweise beeinflusst zu werden. Vielleicht ist dies der Grund, warum die Feinde den Krieg im Irak begannen.

Nichtsdestotrotz hörte die Arbeit, die Shaheed al-Sadr begann, nach ihm nicht auf. Die islamische Dawa Partei setzte die gute Arbeit fort. Sie sagten, dass die Anhänger von Imam Hussain (a) nach seinem Martyrium nicht mehr leben wollten. Auf eine ähnliche Art und Weise fühlten die Anhänger von Shaheed al-Sadr, dass der Sinn ihres Lebens nicht mehr existierte.

Monument von Shaheed Mohammad Baqir al-Sadr (r) in Moskau
Monument von Shaheed Mohammad Baqir al-Sadr (r) in Moskau

Die Menschen liebten diese große Persönlichkeit wahrlich. Sie verstanden die Bedeutung seines Namens und waren bereit ihr Leben für ihn zu geben. Im Jahre 1970 wurde die islamische Dawa Partei unter der Führung von Shaheed al-Sadr mächtiger. Im Jahre 1972 verbot die irakische Regierung seine Magazine. Im Jahre 1973-74 warf die Baath-Regierung die Partei nieder und 75 der Topführer der islamischen Dawa-Partei fanden den Märtyrertod. Im Jahre 1977 war die Partei verboten, genauso wie den arabischen Aufmarsch, den sie jedes Jahr zu organisieren pflegten. Im Jahre 1980 wurde klar, dass die Regierung vorhatte  Shaheed al-Sadr zu töten. Bei vielen Gelegenheiten wurde er ins Gefängnis geworfen und dann wieder freigelassen. Er wurde ununterbrochen gefoltert. Es gab keinen Augenblick, in dem er nicht schwerer Folter ausgesetzt war –  geistig, körperlich und psychisch. Für gewöhnlich mobilisierte seine Schwester Aminah (auch als „Bint al-Huda“ bekannt) Leute und führte in seiner Abwesenheit seine Arbeit fort, wenn er sich im Gefängnis befand.

Sein Märtyrertod

Im Februar 1980 kam Shaheed al-Sadr zum letzten Mal ins Gefängnis. Es wurde entschieden, dass er zusammen mit Bint al-Huda hingerichtet werden sollte. Es gab Dinge, die den Frauen im Gefängnis angetan wurden, die ich nicht einmal beschreiben kann, weil es zu beschämend und peinlich für mich ist es zu tun. Nicht ein oder zwei Fälle, zehn von tausend Fällen. Bei Gott, die wahre Natur der Gräueltaten von Saddam ist der Welt noch nicht verraten worden.

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Bint al-Huda wurde mit Shaheed al-Sadr zu solch einem Gefängnis gebracht. Saddam befahl sie beide hinzurichten. Jemand, der Saddam sehr nahe stand, bat Saddam, Ayatollah Baqir al-Sadr zu töten, aber Bint al-Huda zu verschonen. Saddam sagte: “Den Bruder töten und die Schwester leben lassen? Soll ich den gleichen Mist bauen, wie Yazeed es gemacht hat?!“  Wir sagten ihm: „Ja, du hast immer den gleichen Fehler gemacht, den auch Yazeed gemacht hat!“ Er dachte, dass wenn Imam Hussain erst einmal tot wäre, das Thema erledigt wäre. Denkst du du hast gewonnen? Das ist Geschichte. Shaheed al-Sadr verstand die Geschichte nicht falsch. Er wusste, das sein Erbe Früchte tragen würde. Als Saddam gehängt wurde, gab es nur einen Sprechchor den man hörte: „Es lebe Shaheed al-Sadr!“

Warum sollte sein Erbe keine Auswirkungen haben?!  Fromm, gottesfürchtig, Marja, Gelehrter, Wissen und Taqwa (Gottesfurcht), er hatte das alles und mehr. Warum sollte sein Erbe nicht Resultate erzeugen?! Das Erbe musste seine Wirkung zeigen. Warte nur ab, die Auswirkungen seines Erbes offenbaren sich immer noch. Das ist nur der Anfang. Das ist nur der Anfang der Reise der Liebe. Das ist nur der Anfang vom Sieg. Es wird noch viel passieren.

Jene, die sich weigerten Shaheed al-Sadr zu helfen, sind im Diesseits herabgewürdigt worden und sie sind immer noch eine Schande. Und jene, die sich unter seinen Befürwortern empfanden, wurden geehrt und man erinnert sich immer noch an sie im hohen Maße. Sayyid Baqir al-Hakim (r) war einer seiner Unterstützer. Er war einer von Shaheed al-Sadrs befreundeten Studenten. Deswegen bekam er die höchste Ehre des Martyriums. „Jemand der uns unterstützt wird das Martyrium erlangen, jemand der uns nicht unterstützt, dem wird nie Ehre zuteilwerden“, sagte der Meister des Martyriums Imam Hussain (a).

Wie starb Shaheed al-Sadr den Märtyrertod? Höchstwahrscheinlich wurde er nach unmenschlicher Folter durch Nägel getötet, die durch seine Haut geschlagen wurden. Die Körper von ihm und seiner Schwester wurden dann verbrannt. Danach wurden ihre Körper seiner Familie übergeben. Noch in der gleichen Nacht wurden sie begraben.

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