Die Persönlichkeit von Mohammed – haben wir ihr Unrecht getan? Was ist unsere Pflicht ihr gegenüber?

Der Prophet Mohammed (der Friede Gottes sei mit ihm und seiner reinen Nachkommenschaft), Sohn von Abdullah, ist die großartigste Persönlichkeit im Islam. Er ist der Träger der göttlichen Botschaft, der Verkünder im Namen Gottes, der Wegweiser zur himmlischen Welt und der Pfad zur göttlichen Offenbarung. Seine Handlungsweise (Sunna) dient heute noch der Argumentation in unterschiedlichen Angelegenheiten, seine Biographie inspiriert die Völker von Generation zu Generation. Er ist ein bedeutendes Symbol der Humanität, der die Weltgeschichte veränderte und viele Geschehnisse beeinflusste.

Offensichtlich war die Persönlichkeit dieses großen Propheten oft umstritten, insbesondere in den Debatten mit den unterschiedlichen Religionsanhängern. Einige davon, die seine Prophetie leugneten, nahmen negative Stellungen zu ihm und verurteilten ihn als Lügner, Verleumder und Betrüger. Andere äußerten sich in einer etwas milderen Kritik zu seinen Taten, sahen jedoch darin keine Aufrichtigkeit gegenüber seiner Gesellschaft, sondern vielmehr eine Irrung.

Bis auf die Gegenwart vermehrten sich diese Debatten um den Islam und dessen Propheten. Ein Beispiel hierfür ist das Buch „Die satanischen Verse“ (The Satanic Verses) mit seiner schlechten Darstellung des Gottesgesandten (s).  Danach folgten die Karikaturen von 2006, die den Islam und die Muslime weltweit profund beleidigten sowie eine breite Welle der Aggression ausbreitete.

1) In folgender Darlegung möchte ich mit keinem polemischen Stil fortführen, sondern eher eine Selbstkritik ausüben. Denn andere zu kritisieren ist nur die eine Seite der Medaille. Berechtigt gilt aber die Frage: haben wir der Persönlichkeit des Gottesgesandten (s) Unrecht getan? Sind wir an der falschen Darstellung seines Bildes, gewiss oder ungewiss, beteiligt? Was ist unsere Pflicht gegenüber diesem großen Propheten?

Es ist zweifellos, dass viele muslimische Wissenschaftler sich seiner Persönlichkeit, Biographie und Handlungsweise in ihren Schreibwerken widmeten. Trotzdem stellt sich dabei die Frage: haben diese Wissenschaftler die Persönlichkeit des Propheten (s) in einer interkulturellen oder eher in einer innerislamischen Form dargestellt?

Diese ist meiner Meinung nach eine der wichtigsten Fragen, insbesondere wenn man sich mit den Veröffentlichungen über den Propheten näher beschäftigt. So schrieb der Jurist ʿIyāḍ b. Mūsā al-Yaḥṣubī (gest. 544 n. H./1149 n.Chr.) sein Buch „Kitāb aš-Šifāʾ fī taʿrīf ḥuqūq al-Muṣṭafā “ und so schrieben andere im gleichen Zusammenhang. Aber warum hat der Jurist ʿIyāḍ – als Beispiel für andere Schriftsteller – uns den Propheten als Symbol der Muslime und lediglich unsere Pflichten ihm gegenüber beschrieben? War es nicht in seinem Sinne, ihn als ein Prophet der Menschheit darzustellen? Wäre es nicht sinnvoller, dass er sich bei seiner Beschreibung an die Menschen wendet, die nicht an den Propheten glauben? Wäre es nicht besser, anstatt der bloßen weltanschaulichen Wahrnehmung, den Propheten als einen großartigen Menschen in erster Linie zu präsentieren? Hätte es nicht zur Akzeptanz seines Verhaltens und seiner Taten (bei Außenstehenden) geführt?

Vielen von uns – den Muslimen – fällt es schwer, sich den Propheten aus einer interkulturellen Sichtweise vorzustellen bzw. anderen zu beschreiben; gemeint ist hiermit, über die innerislamische Sichtweise hinauszublicken, um diesen Mann für alle Menschen vorzustellen. Im Gegenteil fokussiert man sich vielmehr auf die glaubensrelevanten Themen, wie z.B. im Buch „die großen Wundertaten“ von As-Suyūṭī (gest. 911 n.H./1505 n. Chr.) oder in den ersten Studien über das Vermählungsgesetz in der islamischen Lehre.

Es wird immer relevanter, den Charakter des Propheten (s) aus einer glaubensneutralen Sichtweise zu betrachten, indem man über die religiösen Interpretationen hinwegschaut. Dies ist heutzutage ein maßgeblicher Meilenstein für den interkulturellen Dialog, den die Muslime und deren Wissenschaftler verstärkt in Betracht nehmen müssen.

2) In vielen Schreibwerken fehlt uns die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der  Persönlichkeit des Gottesgesandten (s), dessen Geschichte und Biographie. Vielmehr ist die uns bekannte Literatur in einer Erzählungsform verfasst mit seltenem Bezug zur historischen bzw. modernen Erörterung. Selten begegnet man eine kritische Analyse des Charakters oder der Anweisungen dieses Mannes, so dass man sich von seiner Persönlichkeit ein Bild gemäß rationaler und historischer Fakten machen kann.

Obwohl es diverse Versuche in dieser Richtung gibt, stellt jedoch diese Art der Interpretation noch keinen Standard dar, um die Biographie des Propheten zu beschreiben. Hingegen findet man zahlreiche juristische oder philosophische Forschungen, die den Charakter des Propheten aus einem bestimmten Betrachtungswinkel behandeln. Eine wissenschaftliche und neutrale Betrachtung, ohne Redekunst oder Emotionen, ist daher seltener zu finden.

Aus diesem Hintergrund entsteht der unabdingbare Bedarf an einer wissenschaftlichen Rezension der Persönlichkeit des Gottesgesandten (s). Daraus soll sich eine neue Kultur für die Muslime entwickeln, um den Propheten richtig zu erkennen und seine Persönlichkeit sinnvoll wahrzunehmen.

3) Betrachten wir dieses Thema aus schiitischer Perspektive, so begegnet uns die scharfe Kritik, dass die Schiiten den Propheten (s) zweitrangig betrachten und wenig Literatur zu seiner Persönlichkeit und Biographie besäßen. Es wird behauptet, dass der Prophet bei den Schiiten deswegen vernachlässigt wäre, da sie sich eher auf den Glaubensansatz des Imamats fokussieren würden, welches von einigen Kritikern sogar als Abweichung von der islamischen Glaubensüberzeugung interpretiert wird.

Anders betrachtet waren die Schiiten möglicherweise zu bestimmten Perioden gemüßigt, sich auf die Persönlichkeiten der Imame (die Nachkommen aus dem Prophetenhaus) mehr als jene des Propheten zu fokussieren. Denn im Zuge der ideologischen Debatten mit Anhängern anderer islamischen Glaubensrichtungen war es wichtig, das Prinzip des Imamats und dessen Bedeutung standhaft zu machen. Desto häufiger waren die Imame im Fokus, als die Schiiten in den zahlreichen Überlieferungen, wie die vom Imam Al-Baqir (a) oder Imam Al-Sadiq (a), eine nutzbare Anwendung zwecks Studien und Argumentationen erkannt haben.

Zugegeben ist dies keine Rechtfertigung für den geäußerten weltanschaulichen Verdacht gegenüber den Schiiten. Vielmehr sollen die Schiiten aber dadurch aufgefordert werden, um zur richtigen Beschreibung der Persönlichkeit des Propheten beizutragen. Damit würden sie einerseits jede ungerechte Kritik abweisen, sich gegen tendenziöse Aussagen abwehren und andererseits einige Lücken ergänzen.

Die Lehre über die Persönlichkeit, Geschichte und Überlieferungen des Gottesgesandten (s) soll zunehmend in allen Klassen der schiitischen Gesellschaft aktiviert werden. Zudem sollen die Werte dieser Lehren im Alltag und in der wissenschaftlichen Forschung erneut hervorgerufen werden, um das Wesen des Propheten – sowie er immer ist – im Bewusstsein und Unbewusstsein der Individuen und Gruppen existent zu haben.

Es ist derzeit ein schiitischer Wiederaufstieg notwendig, um das Leben des Gottesgesandten (s) und alle dazu relevanten Themen genauer einzustudieren. Es soll dabei jede Quelle aus der schiitischen Kultur herangezogen und eruiert werden, jede Studie von schiitischen Gelehrten soll gesammelt werden. Dies soll den schiitischen Beitrag zur Untersuchung der Persönlichkeit des Propheten aufzeigen.

Ebenfalls soll die Wahrnehmung des Gottesgesandten (s) verstärkt werden, die Forschungen sollen, wie im Gebiet der Koran- und Exegese-Studien, qualitativ fortschreiten. Denn dort gab es eine ernsthafte schiitische Aufklärung, um den koranischen Text zu interpretieren und mehr faktisch zu machen. Somit konnten sich die Schiiten ebenfalls gegen viele Vorurteile hinsichtlich ihres Glaubens an den Koran abwehren.

4) Das negativ beschriebene Bild des Propheten (s) durch einige Forscher oder westliche Schriftsteller beruht auf dem Mangel der vollständigen und zuverlässigen islamischen Studien in diesem Themengebiet. Dies hatte zur Folge, dass einige falsche Erzählungen über die Moral und den Umgang des Gesandten (s) mit seinen Ehefrauen verbreitet wurden, um ein entstelltes Bild von ihm zu generieren.

Es besteht daher notwendig, die Hadith-Bücher von allen Legenden oder Unwahrheiten zu filtrieren. Auch sollte man den Mut haben, diese Filtrierung kundzutun, um den Missbrauch völlig zu vermeiden.

Es soll offensichtlich sein, dass eine solche Herausfilterung der Texte nicht aus Angst vor anderen erfolgen soll, sondern vielmehr aus einer wissenschaftlichen und kritischen Grundlage hervorgehen. Es soll mehr Erkenntnis und Bereitschaft erzielt werden, um die Persönlichkeit des Propheten (s) zu verteidigen.

Widrigenfalls sind wir nicht gezwungen, unsere Ressourcen mit der Rechtfertigung von invaliden und unwahren Dingen auszuschöpfen, da sie keiner wissenschaftlichen Betrachtung unterzogen wurde, welche wir verantworten können.

Auch sind wir nicht gemüßigt, das Bild des Propheten zu fälschen, wie es einige tun, um das Bild des einen oder anderen seiner Gefährten zu beschönigen, bzw. die Würdigkeit eines bestimmten Imams herauszustellen. 

Da diese Leute zweifellos ihren respektvollen Wert haben, sollen die ideologischen (innerislamischen) Unterschiede uns nicht dazu bringen, unsere Theorien zuungunsten des Respekts vor dem großen Gottesgesandten (s) durchzusetzen. Dies ist leider in vielen Fällen ersichtlich, wenn man sich mit den islamischen Überlieferungen auseinandersetzt.

5) Folglich, das humane Bild des Propheten (s), seine edle Moral, seine tiefsinnige Barmherzigkeit und Toleranz, sein Umgang mit anderen sollen wahrheitsgemäß wiedergegeben werden. Dazu findet man im koranischen Wort eine unterschiedliche Darstellung als jene, die auf Erzählungen – teilweise unauthentische – zurückgeht.

Anders wird der Prophet (s) im Koran wie folgt beschrieben: „Und du bist wahrlich von großartiger Wesensart.“ (Das Schreibrohr/Al-Qalam:4). Auch unter den nichtmuslimischen Arabern hatte keiner seinen edlen Charakter geleugnet, daher die Beschreibung: „Durch Erbarmen von Allah bist du mild zu ihnen gewesen; wärst du aber schroff und hartherzig, so würden sie wahrlich rings um dich auseinanderlaufen.“ (Die Sippe Imrans/Ãl-Omran: 159). In diesem Vers wird verdeutlicht, wie barmherzig, nachsichtvoll, mitfühlend und großartig der Gesandte Gottes (s) ist. 

Es wird ersichtlich, dass der Koran als Grundlage zum Studieren der Biografie des Propheten (s) und seiner Eigenschaften unabdingbar ist. Denn für uns stellt der Koran eine unanfechtbare Quelle dar, die vieles über den Propheten beinhaltet. Der koranische Text ist deswegen als einer der maßgeblichsten Mittel heranzuziehen, um die Lebensweise des Propheten nachzuforschen. Im Vergleich zu den Geschichts- und Hadithbüchern ist der Koran die Norm, an dem die Validität dieser historischen Werke evaluiert werden muss.

Aus der obigen Schilderung resultiert der Aufruf, die Biographie des Propheten gemäß der koranischen Darstellung neu zu schreiben; diese soll für jeden Moslem standhafter sein als aus je anderer Quelle. Des Weiteren soll im Betracht des Prophetencharakters immer geltend gemacht werden, mit welcher Handlungsweise er sich für jede Zeit verewigt und mit welcher er seinem Lebensumstand entsprechend handeln musste.

Shaikh Haidar Hobbollah,  geb. 1973 im Libanon, studiert seit 1988 islamische Theologie. Seit 1995 studiert und lehrt er am Theologie-Hochschulzentrum in der heiligen Stadt Qom (Iran). Zudem unterrichtet Sheikh Hobbollah seit 2005 im Grade des „Baḥṭ al-Khāriǧ“. 

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